Shortstory von Guido Sawatzki
„Schau, Pippa, so macht man das!“. Seine Tochter ärgerte sich jedes Mal grün und blau, wenn ihr Vater sie so ansprach.
Sicher, in den Augen von Erwachsenen mochte der Name süß klingen, aber wenn ihre Eltern sie schon auf den Namen Pippalotta hatten taufen lassen, dann mussten sie verstehen, dass sie darauf bestand, von ihnen auch genauso gerufen zu werden – vor allem dann, wenn man gerade siebzehn geworden war.
Pippalotta versuchte, sich neben ihrem Vater etwas Platz zu verschaffen. Nur tat sie dies leider gerade in dem Moment, als dieser schon den Hammer schwang … mit der Folge, dass der Schlag missglückte und der Hammer auf Thomas‘ Daumen landete.
„Autsch! Verd…‘ nochmal!“ Musste Pippa unbedingt in diesem Moment hier herumhampeln? Ausgerechnet auf den Daumen! Seine Kollegen im Zimmereibetrieb würden sich kaputtlachen … er konnte sich ihre Grimassen bereits vorstellen. Thomas‘ Miene verfinsterte sich zusehends. Dass das ausgerechnet auch noch so kurz vor dem Urlaub passieren musste?
„Und, Papa? Was wolltest du mir jetzt eigentlich zeigen?“ Es war offensichtlich, dass sich das Mitleid von Pippalotta in Grenzen hielt. Es war aber auch zu ärgerlich. Der Daumen begann schon leicht bläulich zu schimmern. … jedenfalls etwas, wovon er ganz sicher noch einige Tage etwas haben würde.
„Weißt du, wenn man einen etwas längeren Nagel einschlagen will und nur eine Hand dafür frei hat, kann man ihn vorher mit einem Pflaster oder etwas Ähnlichem fixieren – verstehst du? Der Schlag ging nur daneben, weil du mich angerempelt hast.“
Pippalotta verdrehte lediglich die Augen.
„Da fällt mir – ich erwähne es selbstverständlich nur am Rande – der Goldfisch ein, den du letztens aus dem Schulteich gefischt hast und dessentwegen deine Mutter beim Rektor antanzen musste. … Wobei deine Idee, ihn anschließend auch noch an einen Baum zu nageln, für meinen Geschmack doch reichlich abgefahren war …“
Pippalotta strahlte ihren Vater an. „Ach, Papa … Wir hatten das Thema Fische erst in der Stunde davor in Biologie behandelt und als ich den toten Fisch im Schulteich treiben sah, hatte ich spontan diese Idee. Außerdem liegen davon öfter welche im Wasser … dem Hausmeister ist das aber offenbar egal. Ich wollte das nicht länger hinnehmen und sein Verhalten öffentlich machen. Du selbst sagst doch immer, dass wir Unrecht nicht akzeptieren dürfen.“
Thomas sah seine Tochter zweifelnd an. „Also an Fantasie scheint es dir jedenfalls nicht zu mangeln … Pippalotta, mein Töchterchen.“ Dabei strich er ihr liebevoll übers Haar. „Solange du nicht irgendwann mal sowas mit mir vorhast – mich an einen Baum zu nageln oder Ähnliches … Mit Schaudern musste er an die getrockneten, aufgespießten Laubfrösche im Zimmer seiner Tochter denken. Besser, jetzt das Thema wechseln. „Komm, lass uns unseren Urlaub genießen!“.
Ganz so einfach ging das leider doch nicht. Ihm kam in den Sinn, was seine Frau vor kurzem erwähnt hatte … und das ausgerechnet in einem sehr – wirklich sehr – intimen Moment. Sie hatten es sich im Bett gerade so richtig gemütlich und kuschelig gemacht, als die Stimmung plötzlich kippte … für ihn überdeutlich erkennbar an ihrer gekräuselten Stirn. Er war sich keiner Schuld bewusst und fragte nach: „Was hast du? Hab‘ ich was falsch gemacht?“.
„Ach nichts“, versuchte sie abzuwiegeln. Sie wollte ihm da wohl die Laune nicht verderben. Dann war sie aber schließlich doch mit der Sprache herausgerückt: „Schatz … weißt du eigentlich, was deine Tochter so alles mit ihrem Smartphone anstellt? Kürzlich, nach dem Frühstück, hatte ich unsere beiden Handys verwechselt und versehentlich ihres eingesteckt. Erst als ich später einen Blick auf meinen Terminkalender werfen wollte, hab‘ ich gemerkt, dass es nicht meins war. Du – da waren nicht nur irgendwelche schrägen Märchen- oder Fantasiebildchen drauf, sondern etwas viel, viel Härteres. Das kannst du dir nicht vorstellen. Ich war wirklich geschockt!“
Thomas konnte und wollte sich das jetzt auch nicht vorstellen – hatte sich vielmehr auf ein Schäferstündchen mit seiner Frau eingestellt und verspürte absolut keine Lust, tiefschürfende Gespräche über seine pubertierende Tochter zu führen.
„Wenn du wüsstest, wie blöde du jetzt gerade guckst, Thomas … sei mir nicht bös, aber du würdest dich totlachen!“.
Jedenfalls bedeutete dieser Satz in Quintessenz, dass bei ihm nun wirklich alle Lust verpuffte. „Lass dir von deinem Töchterchen … deiner heißgeliebten Pippa … ruhig mal ihr Handy zeigen! Also wenn du mich fragst, dann sollten wir ihr so etwas nicht einfach durchgehen lassen.“
„Deiner Pippa“ … Wie sich das schon anhörte! Dabei war er stolz auf sein Töchterchen. Wahrscheinlich zeigte er auch deshalb so viel Verständnis – manchmal vielleicht sogar mehr, als gut war. Bei Ingrid kam sicherlich noch hinzu, dass Pippalotta ein Kind aus „einer früheren Beziehung“ war, wie sie es gelegentlich formulierte. „Ja, halte du nur zu deiner Tochter …“, klang es bei Differenzen meist mit einem vorwurfsvollen Unterton. Für seinen Geschmack blitzte da zwischen ihren Worten manchmal sogar so etwas wie Eifersucht hervor.
***
Der Urlaub war da und mit ihm die Herausforderungen, die sich jedes Mal neu stellten – vor allem dann, wenn man eine heranwachsende, aufmüpfige Tochter hatte, dachte Thomas. Neu waren diesmal jedoch die Begleitumstände: Zusammen mit den Eltern von Pippalottas Freundin Steffi hatten sie nämlich ein Ferienhäuschen gebucht.
„Du schaust so fasziniert auf dein Handy, Pippa … Darf ich mitschauen?“
„Ach Paps, da wäre ganz sicher nichts, was dir gefällt.“ Seine Tochter hielt kurz inne, schlug sie ihm doch so gut wie nie etwas ab. Nach anfänglichem Zögern ließ sie ihren Vater dann aber doch einen Blick auf das Horrorvideo werfen, welches sie regelrecht in ihren Bann gezogen hatte. Dabei war sie anfänglich gar nicht der Typ für solche Videos gewesen, erst eine Freundin hatte sie darauf gebracht. Anfangs hatten sie die Videoschnipsel regelrecht verstört. Mit der Zeit jedoch nahm sie es gelassener, gewöhnte sich an das Gemetzel und die blutrünstigen Szenen direkt vor ihren Augen.
Für ihren Vater hingegen war das offensichtlich ganz schön starker Tobak, denn ihm war der Mund offen gestanden … das war weit jenseits dessen, was nach seinen Begriffen als „normal“ galt – und vor allen Dingen nicht verträglich für seine Tochter. „Dass du dir so etwas reinziehst? Ich habe dir, ehrlich gesagt, mehr Geschmack zugetraut. Und außerdem … In deiner Erziehung habe ich immer versucht, das Gute hervorzukehren. Das Böse hatte da keinen Platz – nicht in unserer Familie.“ Thomas schüttelte den Kopf. Er konnte es nicht fassen.
„Aber Paps, das sind doch bloß Filme“, versuchte Pippalotta ihren Vater, den sie heiß und innig liebte, zu beruhigen. Bei ihm, anders als bei ihrer Stiefmutter, hatte sie das Gefühl, ihm vertrauen zu können. Dass er in diesem Fall so reagierte, empfand Pippalotta als durchaus legitim. Jeder sollte das Recht auf eine eigene Meinung haben … also auch ihr Vater. Doch fühlte sie sich in ihrem Alter – ihrer Meinung nach – durchaus in der Lage, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, und schließlich hatte sie nicht vor, all die Dinge aus den Videos wirklich auszuprobieren.
Da tickte ihre Freundin Steffi ganz anders. Ihrem Reden nach zu urteilen, schien nahezu alles möglich. Wenn Steffis Eltern deren Handy eines Tages in die Finger bekommen sollten, würde Steffi es garantiert nie mehr zurückbekommen.
„Und weißt du, Paps, ich nehme das Ganze nicht so ernst, wie es vielleicht für dich im Moment aussieht. Ich schau mir diese Videoclips sowieso nur dann an, wenn mir totlangweilig ist. Außerdem haben wir jetzt in den Ferien doch bestimmt jede Menge vor – von Langeweile also keine Spur. Stimmts?“
Pippalotta schmiegte sich ganz nah an ihren Vater, der ihre liebevolle Geste erwiderte. „Hast du was dagegen, wenn Steffi heute Nacht in meinem Zimmer übernachtet? Du weißt doch, dass ich in der ersten Nacht immer Albträume bekomme, sobald ich außerhalb schlafen muss.“
„Aber treibt es bitte nicht zu toll … in Ordnung? Übrigens gehen wir heut‘ Abend mit Steffis Eltern essen – das heißt, es könnte spät werden.“
***
Ist schon praktisch … so ein Ferienhaus auf mehreren Etagen, überlegte Pippalotta. Und, vor allem, hatten die Freundinnen jede ein Zimmer für sich.
Sie wollte gerade auf die Uhr schauen, als es leise an ihrer Zimmertür klopfte. Pippalotta hatte schon befürchtet, dass Steffi ihr gemeinsames Date vergessen hatte oder – was noch schlimmer gewesen wäre – ihre Eltern hätten ihr verboten zu kommen. Steffi hielt ihre Eltern für total autoritär.
„Ich hab‘ uns ein neues Video mitgebracht. Diesmal ausnahmsweise ziemlich blutig.“ Steffi grinste schelmisch und zog aus ihrer Manteltasche eine Flasche mit einer braunen Flüssigkeit.
„Was ist das denn, Steffi?“
„Whisky – frisch aus der gut gefüllten Bar meines Vaters. Wenn der wüsste! Seinen besten und teuersten dazu! Kurz vor unserer Abreise in den Urlaub habe ich ihn mir heimlich eingepackt. Aber dem tut das nicht weh. Jedenfalls können wir beide jetzt viel Spaß haben – oder, was meinst du?“ Beinahe zärtlich nahm Steffi ihre Freundin in den Arm. „Ich für meinen Teil bin zu allen Schandtaten bereit.“
Pippalotta erzählte Steffi von ihrem Vater und dessen Missgeschick mit dem Hammer. „Wie abgefahren ist das denn!“, lachte Steffi. Sie küsste ihre Freundin auf den Mund und strich ihr sanft über den Rücken. Das hat Steffi noch nicht oft gemacht, dachte Pippalotta. Nur dann, wenn es bei ihr zuhause vorher kräftig Zoff gegeben hatte. Überhaupt vermutete sie sicherlich nicht zu Unrecht, dass ihre Freundin von ihren Eltern ziemlich wenig Zuneigung erfuhr – vor allem, keinen so liebevollen Paps hatte, wie sie selbst.
„Wir köpfen jetzt die Flasche und machen was ganz Besonderes. Außerdem sind unsere Eltern sicher nicht vor Mitternacht zurück – und das sollten wir feiern. Ich hab‘ das übliche Ferien-Trallala mit den Eltern sowas von satt … Ich will jetzt was erleben, Pippa … Stell dir vor: Wir können jetzt ganze drei Wochen zusammen sein!“
Die beiden jungen Frauen fassten sich übermütig an den Händen und sprangen durchs ganze Zimmer. Zwei Stockwerke tiefer hatte ihr Vater den Kopf gehoben. „Aha … Unser Töchterchen hat Besuch“, meinte Thomas zu seiner Frau.
„Doch nicht schon wieder diese blutrünstige Steffi!? Wie die sich anzieht … immer alles schwarz. Ihr Einfluss auf Pippalotta ist sicher nicht der beste!“ Fast bösartig hatte sie das hervorgestoßen, dachte Thomas bei sich … Nein, von einem innigen Verhältnis zwischen Ingrid und seiner Tochter konnte wirklich keine Rede sein. Ganz oben fiel die Türe ins Schloss.
„Zieh dich jetzt besser um“, erinnerte Thomas seine Frau an das gemeinsame Abendessen mit Steffis Eltern.
„Lass sehen, was du für uns diesmal im Angebot hast“, flüsterte Pippalotta ihrer Freundin ins Ohr, als sie gemeinsam auf der Couch lagen. „Ich bin mächtig gespannt.“ Sie ahnte schon, dass Steffi harte Kost mitgebracht hatte. Die Einleitung jedenfalls ließ vermuten, dass dieses Video nur mit reichlich Alkohol zu ertragen war.
Am Ende war nicht mehr viel von der Flasche übrig – zu viel Blut hatte von Pippalottas Seele gespült werden müssen. Denn Steffis Video hatte es in sich gehabt.
Darauf zu sehen war eine Stiefmutter, eifersüchtig auf jedes und jeden, der ihren alleinigen Souveränitätsanspruch in Frage stellte – und vor allem die Stieftochter seelisch furchtbar drangsalierte. Wütend machte Pippalotta dabei vor allem, wie hilflos das Mädchen im Film der Situation ausgeliefert war. „Das muss aufhören … muss endlich aufhören!“ Pippalotta konnte sich da regelrecht hineinsteigern … Am Klang ihrer Stimme merkte sie selbst, dass sie schon einiges intus hatte.
„Weißt du, Steffi, das Mädchen in diesem Film kann einem schon richtig leidtun. … Ganz so arg ist es bei mir zu Hause zwar nicht, aber … Pippalotta begann fast übergangslos zu heulen und fiel ihrer Freundin um den Hals.
„Aber manchmal ist es für dich auch sehr schlimm … was, Pippa?“, fragte Steffi mitfühlend.
Pippalotta versuchte, sich zusammenzureißen, wieder klar denken zu können. Was wäre, wenn ihre Stiefmutter plötzlich nicht mehr da wäre … einfach verschwunden? Vor allem könnte sie dann nicht mehr zwischen ihr und Steffi stehen.
Anfangs hatten sie noch aneinander gekuschelt auf der Couch gelegen und sich dem Alkohol hingegeben, wobei Steffi um einiges mehr vertrug als ihre Freundin. Als sie hörten, dass ihre Eltern das Haus verließen, kannten sie keine Grenzen mehr, wozu sicherlich auch das neue Video beitrug. Je öfter sich die beiden an den einerseits abstoßenden, dann aber wiederum faszinierenden Bildern festsaugten und dem Whisky zusprachen, desto größer wurden Empörung und Wut. Mit steigendem Alkoholpegel wuchs auch ihr Verlangen, Ungewöhnliches zu tun … sozusagen nie Dagewesenes – etwas völlig Irres. Als Steffi ihre Freundin, die mittlerweile kaum mehr einen Satz vollständig herausbrachte, vor sich hinjammern sah – so ganz allein mit ihrer Wut auf die ungerechte Welt –, fasste sie einen Entschluss.
„Komm, leg dich wieder hin, Pippa. Ich glaube, deine beste Freundin muss jetzt die Sache in die Hand nehmen und dich von deinem Elend erlösen.“ Sie bettete die Freundin sanft auf die Couch und deckte sie mit ihrer gemeinsamen Kuscheldecke zu.
***
Steffi war zwar gerade mal knapp zwölf Monate älter als Pippalotta, fühlte sich ihrer Freundin sowohl vom Alter als auch von der Erfahrung her jedoch haushoch überlegen. Zugleich sah sie in ihr fast so etwas wie eine jüngere Schwester, auf die man aufpassen musste. Nicht viel, aber ein kleines bisschen beneidete sie Pippalotta schon um die Fürsorge, die ihr Vater ihr gewöhnlich angedeihen ließ. Zwar fehlte es auch ihr eigentlich an Nichts, aber menschliche Zuwendung, wie sie beispielsweise ihre Freundin von ihrem Vater erfuhr, war ihr fremd.
Dass Pippalotta ihre Stiefmutter nicht mochte, konnte Steffi ohne Weiteres nachempfinden – war doch auch sie ein so genanntes Trennungskind. Hiervon hatte sie erst vor Kurzem erfahren – und auch nur durch einen Zufall; während ihrer Urlaubsplanung. Steffi wollte gerade ihr Zimmer verlassen, als sie ihren Namen hörte.
„Du, wir müssen jetzt im Urlaub ganz besonders auf Steffi achtgeben. Es ist jetzt bald Vollmond … und du weißt, wie sie dann manchmal reagiert“, hatte sie ihren Vater sagen hören. Elke, ihre Mutter – das hatte sie zumindest bisher angenommen – hatte auf Georgs Ansage ziemlich unwirsch reagiert: „Pass du nur selber auf sie auf. Sie ist ja schließlich dein Kind. War deine erste Frau eigentlich auch mondsüchtig?“
Als Steffi das hörte, war sie wie erstarrt stehengeblieben. Ihre Gefühle … unbeschreiblich! Sie war geschockt, fühlte sich wie betäubt. Nein – nicht wegen der Nachricht über ihre angebliche Mondsüchtigkeit. Aber dass man sie jahrelang praktisch angelogen hatte, dass Elke nicht ihre leibliche Mutter war – das musste sie erstmal verdauen. Sie spürte, wie in ihr etwas zu zerbrechen begann. Ihre Gedanken überschlugen sich … Vielleicht war das auch der Grund, weswegen sie zunehmend das Gefühl hatte, dass Elke sie nicht leiden konnte – sie sogar verabscheute.
Trost fand sie nur in der Tatsache, dass auch Pippalotta eine andere Mutter hatte. Erst vor wenigen Monaten hatte sie ihr das verraten. Steffi hatte sie damals sehr leidgetan. Ihre Freundschaft hatte das jedoch nur noch gestärkt … Und jetzt dieses! Auch deshalb hatte sie die Whiskyflasche ihres Vaters mitgehen lassen. Den Kummer im Alkohol ersäufen – das tun erwachsene Leute doch oft … zumindest in den Filmen, die sie gesehen hatte. Und jetzt, heute Abend, hätten beide, Pippalotta und sie, zufälligerweise aus demselben Anlass Grund genug, es den Erwachsenen gleichzutun – und ihr Elend im Alkohol zu ertränken.
***
Bis vor ein paar Tagen hatte Steffi noch nichts von ihrer Mondsüchtigkeit gewusst; hatte dann nachgelesen, dass man als Betroffener für seine Taten in einer solchen Phase später nicht belangt werden konnte. Steffi dachte an die Situation, in welcher Pippalotta und neuerdings auch sie selbst steckte … Da sollte doch was zu machen sein, überlegte sie.
Ein guter Handwerker – hatte Steffi mal einen Flaschner sagen hören – lässt selbst im Urlaub sein komplettes Werkzeug nicht zu Hause. Zumindest habe er immer eine Rohrzange im Gepäck … und ein Zimmermann eben seinen Hammer oder etwas Ähnliches, überlegte Steffi. Ihre Freundin konnte sie gerade nicht fragen, wo ihr Vater so etwas aufbewahren könnte … die war längst eingeschlafen.
Steffi schlich sich in das Schlafzimmer von Pippalottas Eltern. In einer der Reisetaschen stieß sie tatsächlich auf den Hammer, mit dem sich Pippalottas Vater selbst verletzt hatte. Einmal Zimmermann – immer Zimmermann, musste Steffi denken. Ein böses Lächeln stahl sich in ihr Gesicht.
Kurz nach Mitternacht war es dann soweit. Die beiden Ehepaare kehrten – offenkundig leicht beschwipst – zurück. Steffi sah zum Himmel hinauf. … Vollmond. Eindeutig. Mondsüchtig hin oder her, ihr Plan musste funktionieren. Sie wartete, bis im Haus alles still war. Dann stieg sie langsam die stählerne Außentreppe – eine Art Feuertreppe – zu den Schlafzimmern hinauf … genauer gesagt, zu dem ihrer Mutter.
Hätte Steffi besser aufgepasst, wäre der sonst so wachsamen jungen Frau sicher nicht der Blick entgangen, mit dem ihre Freundin – ein Geräusch hatte sie geweckt – ihr hinterherblickte. Pippalotta wartete noch eine Minute, dann folgte sie Steffi. Sie sah, wie diese die Tür zum Schlafzimmer ihrer Stiefmutter aufriss. Die beiden wechselten offenbar nur wenige Worte, denn gleich darauf sah Pippalotta die Frauen herausstürmen. Im Gerangel um den Hammer kamen sie der stählernen Feuertreppe immer näher … stürzten. Im Schein des Vollmonds konnte Pippalotta erkennen, dass Steffis Stiefmutter an der Stirn stark blutete.
Pippalotta erkannte ihre Freundin kaum wieder, so sehr hatten sich deren Gesichtszüge verzerrt. Ihr stockte der Atem, als sie sah, wie ihre beste Freundin den Hammer hob. Gleichzeitig musste sie an die Worte ihres Vaters denken – dass das Böse in ihrer Familie keinen Platz habe.
In dem Moment begann sich in Pippalotta etwas zu verschieben.
***
Der folgende Morgen begann reichlich konfus.
Georg, Steffis Vater, hatte nach dem Aufwachen festgestellt, dass das Bett seiner Tochter offensichtlich unbenutzt geblieben war. Da er und seine Frau auch diesmal in getrennten Räumen schliefen – Georgs Schnarchen ging ihr manchmal ziemlich auf die Nerven –, brauchte er seine Frau nicht großartig zu stören und so machten sich die beiden Väter auf die Suche nach ihren Töchtern. Als sie die Tür zu Pippalottas Zimmer öffneten, fanden sie dort jedoch lediglich Thomas‘ Tochter vor – friedlich schlummernd … allerdings in ihren Kleidern. Thomas verzog angewidert das Gesicht, als ihm der Alkoholdunst in die Nase stieg.
Als er ihre Zimmertür schon wieder schließen wollte, stutzte er einen Moment. Etwas war ihm sonderbar vorgekommen. Was hatte der Zimmermannshammer im Zimmer seiner Tochter verloren? Sein immer noch schmerzender Daumen erinnerte ihn an das kleine Missgeschick vor ein paar Tagen. Er nahm den Hammer an sich … Thomas erschrak. Der Hammerkopf war seltsam verfärbt. Es schien sich um getrocknetes Blut zu handeln. Thomas steckte den Hammer ein … nahm sich vor, seine Tochter später danach zu fragen.
„Paps“, klang es plötzlich aus dem Hintergrund.
„Nanu, ich dachte, du schläfst noch“, begrüßte Thomas seine Tochter.
„Aber nein doch, Paps, ich bin topfit“. Als sie jedoch aus dem Bett steigen wollte, brauchte sie zwei Anläufe. Selbst dann hätte es ohne Thomas‘ helfenden Arm nicht so schnell geklappt. „Hui …“, meinte sie mit einem Grinsen. Dann jedoch fiel ihr Blick auf den Hammer, den ihr Vater im Hosengürtel stecken hatte.
Verwundert nahm Thomas wahr, dass seine Tochter plötzlich am ganzen Leib zitterte … selbst ihre Lippen bebten. Doch brachte sie keinen Ton heraus, hakte sich vielmehr haltsuchend bei ihm unter.
Steffis Vater war indes schon weitergegangen. „Dort … da!“, schrie Georg plötzlich auf. Ihm war Blut am Geländer der Feuertreppe aufgefallen. Wild mit den Händen fuchtelnd machte er Thomas darauf aufmerksam. Erst als sich die beiden Männer weit über die Brüstung hinausgebeugten, erkannten sie das Unfassbare: Weit unten lagen Mutter und Tochter in einem Blumenbeet … fest ineinander verschlungen. Wie nach einem Gerangel, musste Thomas bei dem Anblick spontan denken. Die weißen Margeriten um sie herum waren blutbefleckt.
„Maria und Josef …“, stammelte Steffis Vater entsetzt. Verzweifelt schaute er zum Himmel empor, wo noch ganz schwach die Konturen des Vollmonds zu erkennen waren.
„Paps …“. Thomas sah seine Tochter plötzlich kreidebleich werden; die Knie sackten ihr weg.
Thomas beschloss, den Hammer vorsichtshalber gründlich zu reinigen.