Shortstory von Guido Sawatzki
Der Druck in Davids Rücken wurde stärker. „Aber Mutter, da ist doch kein Wasser drin – dann kann ich doch unmöglich springen!“ Der Blick aus dieser Höhe machte die Baufälligkeit der Schwimmanlage überdeutlich. Nicht nur, dass die Farbe schon überall abblätterte, auch die hereingewehten Blätter sowie der Unrat, vor allem in den Ecken des Beckens verstärkte den Eindruck der Verwahrlosung. Offensichtlich fehlte der Gemeinde das Geld für den Unterhalt – oder aber es war der Stadtverwaltung einfach nicht wichtig genug.
Abermals verstärkte sich der Druck. Unbarmherzig stieß ihn ihr Finger voran. „Du musst aber jetzt gehen, David. Es ist deine Pflicht. Denk an deinen Vater. Wenn der sich etwas vorgenommen hatte, dann hat er es auch durchgezogen … und du bist doch ein gehorsames Kind – oder?“ Und wieder der Finger in seinem Rücken.
„Aber ich habe doch noch nicht einmal eine Badehose an, Mutter. … Nur einen Bademantel. Und in der Badeordnung steht eindeutig, dass man nur in Badebekleidung aufs Sprungbrett darf“, unternahm David einen schwachen Versuch, sich zu wehren. Sie waren jetzt nur noch ein kleines Stück von der Kante des Drei-Meter-Bretts entfernt.
„Papperlapapp. Solche Regeln gelten für andere – nicht für uns. Merk dir das! Auf – geh endlich weiter. Ich will doch nur das Beste für dich … Vielleicht überwindest du deine Angst leichter, wenn ich dir die Augen verbinde.“
Seine Mutter zog ein Tuch hervor. Natürlich hatte sie, wie immer, an alles gedacht. Dann, überlegte David, könne es auch nicht so schlimm werden. Außerdem war er es gewohnt, seiner Mutter zu gehorchen. Folgsam ließ er es geschehen. „Und jetzt zieh noch deine Sandalen aus.“ Obwohl das Brett an dieser Stelle schon ziemlich stark wippte, schaffte der Junge auch dieses, nicht ganz ungefährliche Kunststück.
„Geh!“ In kleinen Tippelschritten – und wegen des Tuches vor den Augen jetzt nun fast blind – tastete David sich weiter vor. Vorhin hatte er beobachtet, dass sich die oberste Schicht des vergammelten Bretts erst ganz am Ende stark aufwölbte. Noch ertasteten seine Zehen lediglich abbröckelnden Lack. Außerdem würde seine Mutter ihm schon rechtzeitig Bescheid sagen. Sie wollte für ihn, wie sie behauptete, ja nur das Beste. Und David hatte sich vorgenommen, diese Mutprobe zu bestehen … denn nichts anderes war es doch … Oder?
Es war soweit … Seine Zehen erspürten das Ende des Bretts. Einerseits erschrak David darüber, gleichzeitig fühlte er sich wie berauscht und ein Lustgefühl erfüllte ihn angesichts dieser, einerseits grotesken, aber andererseits wiederum faszinierenden Situation, so nah mit dem Abgrund konfrontiert zu sein. Noch ein einziger Schritt – und es würde sein letzter sein. Todessehnsucht? I wo! Obgleich … auch darüber hatte er schon gelesen. Rein zufällig war dem Jungen, der jede Woche mindestens ein Buch verschlang, erst kürzlich ein Werk zu diesem Thema zwischen die Finger geraten. David empfand es zwar als anstrengend – vor allem war es für seinen Geschmack ziemlich wissenschaftlich abgefasst –, doch gerade deshalb reizte es ihn, so viel wie möglich davon zu verstehen.
Und hier – das spürte er bis in die entferntesten Fasern seines Körpers – bot sich ihm die Gelegenheit, die Theorie in der Praxis zu erproben. David fühlte sich in diesem Moment von einer unbändigen Lust erfüllt, die Kraft zu erkunden, die er immer noch in diesem alten Holzbrett zu spüren glaubte. Er ging mehrmals schwungvoll in die Knie, sodass das Brett jedes Mal ein Stück stärker zu wippen begann … Er wollte das Material einfach an seine Grenzen bringen – ja … und vielleicht sogar noch ein Stück darüber hinaus gehen.
Er musste daran denken, wie sie ihn in seiner Schulklasse immer wieder mobbten, weil er, der Musterschüler, sich nicht zur Wehr setzte, wenn sie ihn quälten … ihm den Arm auf den Rücken drehten, sodass er tagelang fürchterliche Schmerzen hatte, oder ihn in der Schultoilette einschlossen.
Spontan riss er sich mit einem Ruck die Augenbinde herunter. Erst jetzt, in der absoluten Konfrontation mit der Wirklichkeit, würde man tatsächlich von einer Mutprobe sprechen können.
„Was meinst du, Mutter …?“ David drehte sich leicht zu ihr um. Seine Mutter, die ihrem Sohn gebannt zugesehen hatte, wie dieser mit den Grenzen seines Daseins spielte – ihr drängte sich unwillkürlich das Bild von einem Tanz mit dem Tod vor Augen –, nickte bloß. Ein für alle Mal sollte der Makel des Feiglings, den man ihrem Sohn angehängt hatte, getilgt werden. Selbst auf den Elternsprechtagen, die sie regelmäßig besuchte, hatte sie das Gefühl, ausgeschlossen und gemieden zu werden. Dabei hatte sie nichts dazu beigetragen. Was konnte denn sie dafür, dass David alles widerspruchlos hinnahm, sich alles gefallen ließ. Sie ertappte sich sogar dabei, wie feindselig sie sich deswegen gelegentlich ihrem Sohn gegenüber aufführte. Aber schließlich hatte auch sie ein Recht auf Leben. Auf Gesellschaft.
KEINE AUSFLÜCHTE MEHR
David riss sich die Augenbinde jetzt vollends vom Kopf. Er starrte in die Tiefe unter sich, war über sich selbst erstaunt … es flößte ihm keine Angst mehr ein – im Gegenteil. Direkt aus dem Stand vollführte er einen gewaltigen Sprung. Das ganze Brett vibrierte und ächzte so heftig, dass David sich nicht mehr sicher war, ob das alte Holz diesem Druck noch lange standhalten würde. Er fühlte sich gar ein wenig schuldig. Es war fast so, als wolle man einen hinfälligen Greis zum Iron Man prügeln.
Seine Mutter, die ihm ein stückweit auf dem Brett nach vorn gefolgt war, glaubte ihren Augen nicht zu trauen … wie selbstsicher er jetzt hier oben wirkte. Gleichzeitig hatte sie Mühe, die heftigen Schaukelbewegungen auszubalancieren. Es schien sich jetzt zu rächen, dass sie ihrem Sohn die Pest an den Hals gewünscht hatte … weil sie ebenfalls unter seiner offenkundigen Feigheit litt und weil sie das Gefühl hatte, dass die Gesellschaft sie mit dafür bestrafte … sie ausschloss.
Den Besuch in dem alten Schwimmbad, dessen Abriss im Gemeinderat schon seit Langem diskutiert wurde, hatte sie sich jedenfalls anders vorgestellt. Vielleicht war diese Aktion heute, mit der sie ihrem Sohn eine Mutprobe aufgezwungen hatte, wirklich etwas töricht. Doch war sie es einfach leid, sich ständig für ihren Sohn entschuldigen zu müssen … wollte dem ewigen Tratsch, der sie und David verfolgte, endlich ein Ende setzen.
Wenn sie es recht bedachte, hatte das alles nach dem Tod ihres Mannes begonnen. Danach hatte sich David von ihr zurückgezogen. Das bittere Lächeln in ihren Mundwinkeln verstärkte sich. Von da an hatte sie einfach keinen Zugang mehr zu ihrem Sohn finden können … Und das Thema „Freundschaften“ – hier natürlich vor allem Freundinnen – brauchte sie erst gar nicht anzusprechen. Natürlich hätte sie jede Menge Fragen dazu gehabt … sie ließ es jedoch, hielt sich zurück – so gut es eben ging. Aber schließlich konnte sie ihm auch nicht alles durchgehen lassen … wenn sie da an ihre eigene Kindheit mit äußerst strengen Eltern dachte – demgegenüber lebte David wie im Paradies.
Als sie das Thema vor ein paar Monaten angesprochen hatte, gab es zu ihrer Überraschung dann doch eine Reaktion – aber wirklich nur eine einzige: „Frauen sind böse!“. Voller Hass hatte er es damals zwischen den Zähnen hervorgestoßen. Seitdem herrschte Stillschweigen. Dass sich dieses Schweigen jedoch eines Tages gegen sie wenden könnte – gegen seine Mutter –, damit hätte sie nie gerechnet.
Ruckartig drehte sich David zu ihr herum. Keinen Meter mehr waren sie inzwischen voneinander entfernt. „Geh weg!“ schrie er sie an. Für einen Moment glaubte sie, im Erdboden versinken zu müssen. Wie um seine Worte zu unterstreichen, begann David auf dem Sprungbrett ein paarmal wie wild auf und ab zu springen, sein Gesicht dabei zu einer hässlichen Fratze verzerrt. „Hast du eigentlich nie darüber nachgedacht, was ich fühle, wenn ich ständig von dir kleingehalten werde? Wenn ich immer gesagt bekomme, was ich zu tun und zu lassen habe – und vor allem, dass ich nicht auffallen soll … und dass alles gut wird, solange ich nur lerne?“
„Nein … David! So war das doch überhaupt nicht!“
Fast hatte sie ihn erreicht … wollte ihn an den Schultern packen, ihn zur Vernunft bringen – da wurde ihr plötzlich schwindlig.
Abrupt hielt David inne.
„Mutter!“
Es klang wie ein gequälter Hilferuf. Dies war das Letzte, was seine Mutter noch wahrnahm, bevor sie über die Brettkante in die Tiefe stürzte.
Verblüfft starrte David dem fallenden Körper hinterher. An die Höhe hatte er längst nicht mehr gedacht … daran, dass sie sich doch einige Meter über dem Boden des Schwimmbeckens befanden.
***
Noch oft hatte David in den folgenden Jahren an diese eine Szene denken müssen … hatte dabei jedes Mal den entsetzten Augenausdruck seiner Mutter vor dem Gesicht gehabt. Ihm war durchaus klar, dass er durch sein verrücktes Verhalten ihren Tod letztendlich herbeigeführt hatte. Freilich hielt es ihn nicht davon ab, den ermittelnden Beamten eine Story aufzutischen, die nur einem Zweck diente: glaubhaft zu wirken, aber keineswegs den Tatsachen entsprach. Ein „Unfall“ … ein „tragisches Unglück“ eben. So stand es dann auch in den Zeitungen.
Ein Gutes hatte das Ganze immerhin: Man ließ David in Ruhe – vor allem diejenigen, die ihn ständig gehänselt hatten.
„Na also – geht doch“, dachte er.
Weniger aus Mitleid für den verwaisten Jungen, sondern eher, weil es sich gehörte, ihn nicht mit seinem Schicksal allein zu lassen – insbesondere da es noch Verwandte gab – nahm seine Tante Julia, die allein lebte, den noch nicht volljährigen Jungen auf. Sie war kaum zehn Jahre älter als er selbst. Das ging ziemlich lange gut … genau gesagt, bis zu seinem 18. Geburtstag. Mit ihrer unkomplizierten und fröhlichen Art verdrehte die erfahrene und attraktive Frau dem heranwachsenden und noch unerfahrenen David alsbald den Kopf. Hätte sie jetzt jemand gefragt, ob sie ihn absichtlich provozierte, dann hätte sie das nicht verneinen können – im Gegenteil: Sie begehrte ihn. So wurde er manchmal ganz verlegen, wenn sie sich beispielsweise auf dem Weg zum Bad begegneten. Da wusste er nicht, wohin er seine Blicke richten sollte.
Einmal, beim Duschen, stellte sie durch die vom Dampf angelaufenen Scheiben hindurch plötzlich fest, dass sich die Badezimmertür um einen Spalt geöffnet hatte. Sie tat jedoch, als ob sie nichts bemerkt hätte. Als sich dies in den darauffolgenden Wochen wiederholte und sie selbst eigentlich nichts Anrüchiges darin sah – im Gegenteil: es machte ihr sogar Spaß –, sprach sie ihn eines Tages, nachdem sie sich nur leicht abgetrocknet und rasch ihren Bademantel übergeworfen hatte, direkt darauf an.
„Und … willst du?“
Mit einer derartigen Reaktion hatte David, der das Ganze für sich bislang eher als romantische Schwärmerei abgetan hatte, nicht gerechnet. „Tante …“ stammelte er.
„Julia … nenn‘ mich nicht mehr ‚Tante‘ … okay? … Komm her.“
In diesem Moment verschob sich bei David etwas.
Julia, die seine Hemmungen spürte, ging langsam – wie um ihn nicht zu erschrecken – auf den wie stocksteif dasitzenden jungen Mann zu … setzte sich neben ihn. Sie strich ihm sanft über den Kopf … drückte ihn an sich. David hatte sich Szenen wie diese zwar schon öfter ausgemalt, aber dass er einmal selbst im Mittelpunkt einer solchen stehen würde, das hatte er nicht zu träumen gewagt.
Julia hatte das Gefühl, dass es ihm gefiel. Sie massierte leicht seinen Nacken, fuhr mit der Hand behutsam seinen verspannten Rücken hinunter … ließ ihre Finger vorsichtig unter sein T-Shirt gleiten … streichelte ihn zärtlich. David hielt die ganze Zeit über die Augen fest geschlossen … legte den Kopf in den Nacken. Ganz offensichtlich gefiel ihm die Berührung ihrer Hände sowie ihre Liebkosungen; er spürte, wie sie ihn begehrte … genoss ihre Lust. David ließ alle Zurückhaltung fallen, als sie ihm ins Ohr flüsterte, wie lange sie auf diesen Moment gewartet habe –„Lass mich dich spüren … ich habe es schon so lange gewollt – komm!“
WENDE
Je vertrauter David und Julia miteinander wurden, desto mehr veränderte sich auch ihr Zusammenleben. Dass sie ein Paar wurden, das hatte für sie, die Pragmatikerin, eigentlich von Anfang an festgestanden, wie sie ihm einmal beichtete. „Für mich nicht unbedingt“, hatte David daraufhin spontan gemeint. Als er bemerkte, wie sehr er Julia damit gekränkt hatte, nahm er sie liebevoll in seine Arme.
Vielleicht hätte sich an ihrem harmonischen Zusammenleben nichts geändert, wäre Julia nicht eines Abends beim Essen auf die Idee verfallen, ihm aus dem Gemeindeblättchen vorzulesen. „Du … das könnte dich interessieren. Sie haben jetzt beschlossen, das alte Schwimmbad abzureißen. Na, wurde aber auch langsam Zeit!“
Julia schlug sich auf den Mund. Mensch, wie unsensibel war das denn! Wie hatte ihr das passieren können. Die Bilder von damals – das ganze Drama um Davids Mutter – schossen ihr durch den Kopf … und dass David damals seelisch fast daran zerbrochen wäre.
„Oh David … es tut mir so leid. Wie musst du dich jetzt fühlen … Es ist zwar schon lange her, aber manche Dinge trägt man unter Umständen ein ganzes Leben lang mit sich herum.“ Julia griff nach seiner Hand, doch er entzog sich ihr.
Eine dunkle Wolke von Erinnerungen hatte sich in David ausgebreitet – von einem Moment zum anderen. Er fühlte sich wie betäubt. Zusammengesunken, zwei Finger am Weinglas, hockte er auf seinem Bistrostuhl.
„Bitte … lass mich … Ich muss das erstmal verdauen … Entschuldige.“
Julia nickte stumm. „Bitte verzeih.“
„Steht in dem Artikel wenigstens, wann die Bagger anrücken? … Ich würde gern vorher noch einmal hingehen.“ David erhob sich. „Begleitest du mich?“
„Wann – jetzt?“ fragte Julia ungläubig. „Äh … es wird bald dunkel und außerdem wird der Weg dorthin inzwischen mit Gestrüpp ziemlich zugewuchert sein. Auch die Anlage wird entsprechend aussehen. Lass die bösen Erinnerungen ruhen, David – ja?“
Ein Blick in Davids Gesicht genügte ihr, um zu wissen, dass nichts auf dieser Welt ihn von seinem Plan abbringen konnte. Und sie ahnte, dass zu großer Widerstand ihr Verhältnis dauerhaft belasten könnte. Denn gerade seine jetzige Reaktion zeigte ihr, dass da noch etwas verschüttet war … Immerhin bestand die Chance, dass der Besuch des Schwimmbads etwas Licht in die damaligen Vorkommnisse bringen und ihn sein inneres Gleichgewicht wiederfinden lassen würde.
„Aber wir müssen uns warme Jacken anziehen … ja, David?“. Er nickte nur.
„Gut, dann gehen wir uns noch kurz umziehen. Ich beeil‘ mich.“
„Lässt du mich ein kleines Stück vorgehen, Julia? Ich glaube, es täte mir gut, kurz allein zu sein. … Die Erinnerung – wenn du verstehst …“
„Aber David! Was redest du denn da? Natürlich verstehe ich dich. Wahrscheinlich würde ich an deiner Stelle genauso handeln.“ Sie wusste, dass Letzteres natürlich nicht stimmte. Sie war immer der rationalere Typ von ihnen beiden gewesen – obgleich er immer das Gegenteil behauptete – und das lag ganz bestimmt nicht nur am Altersunterschied. Unwillkürlich musste sie an die Worte ihrer verstorbenen Schwester denken. Sie hatte David immer als extrem verschlossen beschrieben. Wie sehr hatte er sich doch seitdem verändert … Der Gedanke daran entlockte Julia ein Lächeln.
***
Julia beeilte sich. Umso überraschter war sie, als sie kaum eine Minute nach ihrem Gespräch die Haustüre zufallen hörte. Na, hoffentlich hat er wenigstens etwas Warmes übergezogen, dachte sie noch.
Das alte Freibad lag keine zweihundert Meter von ihrem Haus entfernt. Als Julia dort ankam, sah sie David bereits auf dem Sprungbrett mit dem Rücken zu ihr stehen. Bekleidet war er offenbar nur mit einem Bademantel. Seine Füße waren nackt.
Das Ganze wirkte auf sie fast wie eine Inszenierung. Wollte David etwa die Ereignisse von damals nachstellen? … Aber es war doch ein Unfall gewesen – oder?
Julia dachte an die ersten Monate, als sie David bei sich aufgenommen hatte … sie monatelang nachts immer wieder von seinen Schreien aufgewacht war. Wenn sie dann zu ihm ins Zimmer kam, saß er oft aufrecht im Bett, schaute schreckensstarr auf die gegenüberliegende Wand … stammelte wie in Trance nur diesen einen Satz vor sich hin … immer wieder: „Ich bin schuld … ich bin schuld …“. Und es hatte ihm gutgetan, wenn sie sich dann neben ihn gelegt und ihn in den Arm genommen hatte, bis er wieder einschlief.
„Ich wär‘ dann soweit … Tante“, riss David sie aus ihren Gedanken.
Julia glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. „Tante“ … und nicht liebevoll „Julia“ – so, wie sonst immer? Es versetzte ihr einen heftigen Stich. Möglicherweise durchlebte David jetzt ja gerade ein Déjà-vu … wegen seiner Mutter. Doch sie beschloss, das Gesagte zu ignorieren, tat so, als hätte sie es nicht gehört.
„Du kannst kommen …“.
Julia war sich nicht schlüssig. Verlangte David etwa, dass sie in ihren Stiefeln zu ihm hinaufkletterte? Schließlich war es schon Herbst und die metallenen Sprossen des Sprungturms schienen recht rutschig. Nicht, dass sie fürchtete, er könnte sich abwenden, wenn sie ihm diesen Gefallen nicht tat – nein. Darum ging es ihr nicht … Oder etwa doch?
Als sie oben ankam, streckte David ihr beide Hände entgegen. Julia sah ihm in die Augen. Sein unsteter Blick erschreckte sie. Was ging da gerade in ihm vor?
„Spielst du mit?“ Seine Stimme hatte auf einmal einen harten Klang bekommen.
„Wobei?“ Sie schaute ihn fragend an.
„Das Wippspiel … weißt du es nicht mehr? Ich habe dir doch damals davon erzählt. Mama hat es verloren, weil sie nicht auf mich gehört hat. Sie hat nicht damit gerechnet, wie sehr sich das alte Sprungbrett noch aufschaukeln konnte. Und weil sie es nicht richtig eingeschätzt hat, fiel sie eben herunter … einfach so.“
Was Julia dabei so stutzig machte, war, dass er diesen Satz mehrfach wiederholte: „Einfach so … einfach so – verstehst du?“
David hielt ihre Hände dabei wie in einem Schraubstock fest. Julia fühlte sich zunehmend unbehaglich. „Du tust mir weh, David.“
Erschrocken ließ er los. „Oh, entschuldige, das wollte ich nicht. Aber diese albtraumhafte Situation damals … meine Mutter, die von der Vorstellung, einen Feigling zum Sohn zu haben, so derart besessen war … Nein, das konnte ich ihr nicht verzeihen.“
Julia starrte David entgeistert an. „D-d-dann war das damals gar kein Unfall, David?“ Julia war alle Farbe aus dem Gesicht gewichen.
David tat so, als habe er es überhört. „Komm, mach mit beim Wippspiel!“ Seine Stimme klang in diesem Moment geradezu zwanghaft leicht … so, als ob sie sich über etwas Heiteres, Lustiges unterhalten würden. Fast spielerisch zog er sie über das Brett hinter sich her.
David begann zu springen, jedes Mal heftiger. Mit jedem Sprung kamen sie dem Brettende ein Stück näher … Das war kein Spiel mehr …
Lulia spürte Panik in sich emporsteigen. Was sollte, was konnte sie noch tun, um ihn von seinen offenkundigen Wahnvorstellungen zu befreien – damit alles wieder wurde, wie es vor wenigen Minuten noch war?
„Komm, Julia, lass es uns gemeinsam beenden – ja? Du liebst mich doch … bist doch MEINE Julia, oder?“
Mittlerweise standen sie beide am Ende des Bretts … David direkt an der Kante. Hätte Julia in diesem Moment nicht seine Hände fest umklammert, wäre David unweigerlich abgestürzt – denn wie zum Spaß ließ er sich jetzt weit über das Sprungbrett hinaushängen. Aber in seinem Blick meinte Julia eine tiefe Verzweiflung zu erkennen.
Doch noch schien er sich nicht aufzugeben … zumindest erwiderte er den Druck ihrer Hände. Mit einem seiner Finger strich er ihr sogar noch sanft über die Innenseite einer Hand.
David fing unvermutet an, laut zu lachen … „Mein Leben liegt jetzt in deinen Händen … Toll, was?“ Seine Stimme jedoch hörte sich für Julia nicht echt an – es war eher das Lachen eines Irren.
Julia spürte ihre Kräfte schwinden. Sie spürte, wie er seine Finger ausstreckte, sodass sie Gefahr lief, ihn nicht mehr richtig halten zu können.
Was machte er da? War ihm überhaupt bewusst, wie das enden konnte? Voller Entsetzen schrie sie ihn an: „David … Ich kann dich nicht länger halten, du bist zu schwer!“
„Nur noch eine Sekunde, Julia, dann wird es für Dich leichter … Alles wird leichter. Übrigens hattest du Recht … mit dem Unfall. Doch weißt du – jetzt, wo gleich keine Schuld mehr sein wird, da ist alles einfacher.“
Für einen kurzen Moment glaubte Julia in seinen Augen die ganze Tragik seines Wesens zu erkennen – grenzenlose Sehnsucht nach Erfüllung … gepaart mit unendlichem Schmerz!
Ein letztes Lächeln noch – dann war er ihr entglitten.