DARF’S NOCH ETWAS MEHR SEIN?

Shortstory von Guido Sawatzki

„Nanu! Wir kennen uns doch … stimmts?“

Mein Gegenüber blickt mich stumm an … ist irritiert; weiß offensichtlich nichts mit mir anzufangen. Ihre mögliche Antwort, ‚Meinen Sie mich?‘ steht ihr auf der Stirn geschrieben. Garantiert würde sie am liebsten an mir vorbeischauen … in diesem Moment bin ich für sie ganz klar ein Störfaktor – leider kein solcher, welchen sie ohne Weiteres ausblenden könnte. Aber wer hätte denn auch gedacht, dass wir uns eines Tages im Supermarkt gegenüberstehen …

***

Eigentlich sind wir ganz normale Nachbarn; pflegen eines der sattsam bekannten oberflächlichen Verhältnisse, die es niemals zulassen würden, dass da mehr wäre als dass wir einander grüßen, wenn wir uns zufällig begegnen. Aber dass wir dabei extra die Straßenseite wechseln würden, um dem andern ein freundliches „Hallo“ oder gar ein überschwängliches „Grüß Gott“ zuzurufen, gar noch mit dem Zusatz „Wie geht es Ihnen?“ … das Ganze womöglich unter Hinzufügen des Nachnamens – nein, das ginge denn doch zu weit.

Ich bewohne das Haus gleich gegenüber von ihr. Ihr gehören drei Häuser – besser: Ihr, ihren Eltern und ihrer Tochter. Also jedem eins. Ein paar Luxuslimousinen stehen außerdem vor ihrer Haustür. Die Familie ist also, wie der Volksmund vielleicht sagen würde, „gestopft“. Dass ich selbst einen Ford F 150 mit 730 PS in der Garage stehen habe … na und? Jedem sein Vergnügen. Was dem einen seine Sänfte auf vier Rädern, ist dem andern sein Querfeldein-Truck.

***

Als ich bemerke, dass Linda denselben Gang zwischen den Regalen zur Fischtheke nimmt wie ich, bemühe ich mich, so unauffällig wie möglich Schritt zu halten, ohne dabei aufdringlich zu erscheinen …

Woher ich den Vornamen meiner Nachbarin weiß, da ich sie doch nur oberflächlich zu kennen vorgebe? Nein, von ihrem Klingelschild kenn‘ ich ihn nicht – da steht nur der Nachname. Auf sie aufmerksam gemacht hat mich vielmehr eine gute Freundin, die hier arbeitet und offenbar bestens über meine Nachbarin Bescheid weiß … Mehr gibt es dazu im Augenblick nicht zu sagen.

Ich wage einen zweiten Anlauf, stelle mich neben Linda: „Was für ein Zufall, genau dort wollte ich auch gerade hin. Die haben immer so leckere Fischsalate … Mögen Sie die auch?“

Tatsächlich dreht sie sich leicht zu mir her; mustert mich von oben bis unten. Na, wenigstens nimmt mich meine Nachbarin jetzt zur Kenntnis … Wobei sie noch immer schweigt. Ich habe den Eindruck, sie scheint abzuwägen. Das reichlich nervöse Geklapper mit ihren Ringen am Haltegriff des Einkaufswagens spricht jedenfalls Bände. „Also wenn mir gestern Abend ein gescheiter Hecht an den Haken gegangen wäre, dann müsste ich mir heute keine Gedanken wegen des Abendessens machen …“ Ich lache sie an. Linda knabbert unschlüssig an ihrer Unterlippe.

Ich schalte auf Angriff … „Ihr Mann hat doch auch mal geangelt – soweit ich mich erinnere … Oder täusche ich mich da etwa?“ Also jetzt MUSS sie einfach etwas sagen, denke ich im Stillen. Dass ich schon öfter mal versucht habe, sie abzupassen, wird sie wohl kaum gemerkt haben … hoffe ich.

Da, ein Räuspern … Gleichzeitig streicht sie sich ganz langsam mit den Fingern an einer Augenbraue entlang die Schläfe hinunter. So etwas beobachte ich gelegentlich an Menschen, die sich in einer Situation unsicher sind – oder aber etwas zu verbergen haben. Andererseits halte ich sie für eine taffe Frau … Die protzigen Ringe an ihren Fingern und das viele Glitzerzeug um ihren Hals kommen sicher nicht von ungefähr. Aber vielleicht wird sie ja auch von ihrem Mann dazu genötigt – also, den Reichtum der Familie zur Schau zu stellen … Weiß man’s?

Apropos Finger … Ich schweife nur ungern vom Thema ab – aber diese zartgliedrigen Finger sind etwas ganz Besonderes. Ich spüre, wie mein Verlangen, sie mit meinen Lippen zu berühren, übermächtig wird. Allein die Vorstellung, dass diese Hände an meiner Haut entlangstreifen, treibt mich zum Wahnsinn. Nein! Ich bin nicht abnorm … lediglich fasziniert von dieser Frau. Sie könnte splitterfasernackt vor mir herlaufen – ich würde trotzdem nur auf diese göttlichen Hände starren … zumal Linda ein Parfum aufgetragen hat, welches jedem Mann die Sinne rauben muss.

Bis jetzt, wie gesagt, kein Wort von ihr.

Ich denke scharf nach … Fisch, Finger, Haut – ich bin sicher, so könnte es klappen.

„Andererseits bin ich gottfroh, dass ich nichts gefangen habe. Haben Sie schon mal einen Fisch ausgenommen? Dieser spezielle Geruch hängt Ihnen unter Umständen noch wochenlang unter den Fingernägeln … !“ Ich suche nach einer Regung in ihrem Gesicht … irgendeiner!

Hm. Sie wendet sich brüsk ab; wechselt die Abteilung. Möglich, dass das Angeln nicht so ganz ihr Thema ist … dabei will ich sie doch nur ein bisschen aus der Reserve locken. Ich folge Linda vorsichtig. Auf keinen Fall soll sie mich bemerken. Es wäre mir peinlich. Auch hoffe ich, dass sie irgendwann zur Fischtheke zurückkehrt. Der Supermarkt ist von mittlerer Größe, und so sehe ich sie ab und zu mal an der einen, mal an der anderen Stelle auftauchen. Nur wenig später ist es tatsächlich soweit. Bevor sie jedoch ihre Fischbestellung aufgibt, dreht sie sich noch ein paar Mal nach allen Seiten um. Etwa meinetwegen? Oh Gott! Was für ein Sensibelchen!

Es gelingt mir, mich ihr auf leisen Sohlen zu nähern – und bevor sie reagieren kann, strecke ich ihr eine Flasche Weißwein entgegen. „Ich weiß, meine Bemerkungen über den Fisch waren etwas unpassend. Aber Ihr Anblick hat mich sowas von verwirrt – und dann erweisen Sie sich auch noch als meine direkte Nachbarin … Ich hoffe, Sie nehmen meine Entschuldigung an.“

Meine kleine Attacke scheint erfolgreich zu sein. Sie lächelt – übrigens das erste Mal, seit wir uns hier über den Weg gelaufen sind.  „Lachen Sie mich an oder aus?“, schiebe ich nach, damit das Gespräch nicht gleich wieder versiegt.

„So so – Sie sind also mein Nachbar!“ Endlich – die Sprachlosigkeit hat ein Ende! „Sie müssen wissen, ich liebe Fisch … Bin überhaupt eine leidenschaftliche Fischesserin. Deshalb sieht man mich hier auch des Öfteren mit einer Kühltasche. In der Regel kaufe ich dann ein paar Fischspezialitäten – wobei ich, ehrlich gesagt, den ganz einfachen Lachs allem anderen vorziehe.

An der Fischtheke bedient mich übrigens immer dieselbe Verkäuferin. Inzwischen kennen wir uns ganz gut. Einmal hat sie mich sogar davor gewarnt, zu viel Fisch zu essen. Ich hatte ihr früher einmal erzählt, dass ich manchmal empfindlich auf Fisch reagiere. Aber was kann so ein junges Ding davon wissen.“ Linda macht eine wegwerfende Bewegung. „Ein kleiner Naseweis eben. Überhaupt sollte man das Personal nicht übermütig werden lassen. Sie hat mir sogar angeboten, dass ich sie beim Vornamen nenne – sie heißt übrigens Xenia; was ich höflich abgelehnt habe. Ich mag es nicht, wenn sich jemand so anbiedert. Bei einem meiner nächsten Fischeinkäufe habe ich sie gefragt, ob ihr vom vielen Fischverkaufen nicht schon Schwanzflossen gewachsen seien – das Ganze in einem durchaus netten, fürsorglichen Ton. Das fand sie jedoch weniger lustig – seitdem ist es mit der Vertraulichkeit vorbei.

Trotzdem fragt sie mich seitdem jedes Mal zuckersüß: ‚Darf‘s ein bisschen mehr sein?‘. Dann werde ich natürlich wieder schwach und lasse nochmal hundert Gramm dazulegen.

Was übrigens Ihre Frage nach meinem Ex anbelangt – der stand mit seiner Rute eher auf Zweibeiniges … wenn Sie wissen, was ich meine.“

Damit die Fischverkäuferin nicht zu viel von unserer Unterhaltung mitbekommt, spricht meine Nachbarin mit vorgehaltener Hand.

Natürlich kann Linda nicht wissen, dass Xenia und ich uns schon ziemlich lange kennen … sehr gut kennen – und dass sie zu der Sorte Frau gehört, die ich nicht so rasch von meiner Bettkante schubsen würde … hätte ich denn die Gelegenheit, salopp gesagt. Das verschweige ich Linda natürlich geflissentlich … und setze lediglich ein verschwörerisches Grinsen auf.

War Linda zu Anfang noch schweigsam wie eine Buddha-Figur, so redet sie jetzt wie ein Wasserfall: „Zum Abschluss meiner Fischeinkäufe darf natürlich eine Flasche eisgekühlter Riesling wie dieser hier nicht fehlen, dann noch ein Baguette … und ab geht’s! Entweder in den Wald – dort kenne ich ein entzückendes, verschwiegenes Plätzchen – oder aber bei schönem Wetter auf die Wiese … am liebsten, wenn das Gras noch hochsteht.“

Bei ihren Worten steigt Madame zunehmend die Röte ins Gesicht „Oje, habe ich mich mal wieder verplappert … Was müssen Sie von mir denken?“

Pflichtschuldigst widerspreche ich ihr sofort. „Ich könnte Ihnen stundenlang zuhören – außerdem haben Sie eine sehr schöne Stimme“, entgegne ich. Ihr Blick, stelle ich zufrieden fest, wird direkter. Ich werde mutiger: „Außerdem haben wir heute genau solch ein Wetter … Sonnenstrahlen en masse – und temperaturmäßig passt’s auch … Worauf warten Sie?“

Derart herausgefordert, mustert mich Linda intensiver – geradeso, als wolle sie mich einer genaueren Prüfung unterziehen. Ich tue so, als bemerke ich es nicht und richte meine Aufmerksamkeit auf die Fischtheke. „Ihren Lieblingsfisch, den Lachs, gibt es heute sogar im Angebot!“

„Geräucherter Hecht ist aber auch da“, bemerkt sie. „Darauf stehen Sie doch – oder?“ Ihre Stimme klingt in diesem Moment sowas von sinnlich, dass ich es mir nur mit Mühe verkneifen kann, ihr zu entgegnen, dass ich noch auf weit mehr stehe. Wenn sie wüsste, welche Bilder gerade in meinem Kopf ablaufen …

„Na“, sage ich und nehme ihren Tonfall auf, „Sie machen mir die Wahl aber auch wirklich schwer.“ Ich lächle sie dabei an … ziemlich lange sogar. Ihr scheint das zu gefallen. Mit einer Zweideutigkeit, die nach meinem Empfinden allerdings eindeutiger nicht sein kann, fügt sie hinzu: „Ob eine Flasche Wein da wohl ausreicht … wenn die Lust so derart groß ist – auf Fisch, meine ich natürlich?“

Ich will nichts vorwegnehmen, aber Lindas spitzbübisches Grinsen und die Art, wie ihre Zunge ihre Lippen befeuchtet, lassen kaum Zweifel an ihrer Absicht zu; was mir natürlich sehr entgegenkommt.  Dennoch frage ich mich, ob ich ihre Signale richtig deute – eine solche Gelegenheit kommt sicher so schnell nicht wieder.

Nein – jetzt nur keine Selbstzweifel. Jetzt oder nie! Sie hat den Kopf leicht zur Seite geneigt und schaut mich erwartungsvoll an, wie mir scheint. Ja … Ich gebe es zu. Ich bin scharf auf sie. Wenn ich’s genau nehme, sogar schon bevor sie sich von ihrem Mann hat scheiden lassen. Von der Fischverkäuferin, die überhaupt Gott und die Welt zu kennen scheint, weiß ich außerdem, dass meine Nachbarin kein Kind von Traurigkeit ist. Mittlerweile bin mir sehr sicher, dass dieses Fischlein fest an meinem Haken hängt.

Als sie sich während unseres Gesprächs einmal umdreht, stockt mir der Atem. Das vorne hochgeschlossene Kleid wird rückseitig lediglich von einem Druckknopf zusammengehalten und öffnet sich in einer bis zur Hüfte reichenden Falte, die auf raffinierte Weise den Blick auf ihren sanft geschwungenen Rücken freigibt.

Ich muss mich zwingen, der Gedankenflut, die mich geradezu überschwemmt, Herr zu werden … gebe mir einen Ruck. „Den gleichen Wein wie den, den Sie im Einkaufswagen haben?“, frage ich mit belegter Stimme.

„Wenn er Ihnen auch schmeckt?“ Und wieder lässt sie ihre Zunge über die Lippen gleiten … ob sie wohl meine Gedanken lesen kann? Meine Fantasie schlägt Purzelbäume.

„Ich bin gleich zurück … Wollen Sie in der Zwischenzeit den Fisch besorgen?“

„Gute Arbeitsteilung, Herr Nachbar“, meint sie und legt wie zufällig ihre Hand auf meine, die noch den Einkaufswagen hält. Ich drehe meine Hand, sodass sich unsere Finger ineinander verschränken. Mein Daumen gleitet wie selbstverständlich an ihrer weichen Haut entlang … Sie scheint es zu genießen, denn sie lässt meine Hand nur sehr zögerlich los. Nach einem weiteren intensiven Blick mache ich mich auf den Weg.

„Wieviel bekommen Sie für den Fisch?“, frage ich mit leicht neckischem Unterton, nachdem wir die Kasse hinter uns gelassen haben. Als sie sich zu mir herdreht, streift meine Hand unabsichtlich ihren freiliegenden Rücken, woraufhin sich ihre Augen bis auf einen winzigen Spalt schließen … Ihre Stimme – genauso erotisch wie zuvor an der Fischtheke:

„Sie haben sich doch schließlich mit gleich drei Flaschen von dem exzellenten Wein genügend in Unkosten gestürzt … Und außerdem – vielleicht lasse ich mich ja in Naturalien bezahlen … Richard“, meint sie vielsagend und wirft mir einen intensiven Blick zu. Ihre Finger schlingen sich um meine Hand. Wie Fangarme, geht es mir durch den Sinn … Wer hat hier eigentlich wen am Haken?

Es ist dies das erste Mal, dass sie mich beim Vornamen genannt hat. So, wie sie ihn ausspricht, vermute ich, dass sie sich über mich informiert hat.

„Oh Linda …“ Sanft ergreife ich ihre Hand … führe sie an meine Lippen. Unsere Blicke verhaken sich ineinander …

Linda weiß sich als Erste aus der Magie dieses Moments zu befreien – bevor die Sache aus dem Ruder gerät. „Komm“, meint sie hastig, „lass uns fahren. Mit meinem Wagen – einverstanden? Deinen nehmen wir mal auf einen Trail durchs Niemandsland.“ Ihr Lachen und ihre leicht rauchige Stimme klingen dabei so verführerisch, wie ich es noch nicht oft bei Frauen erlebt habe.

Es ist ein warmer Sommertag, und so fällt die Wahl für unser Picknick ganz spontan auf eine mit Sommerblumen übersäte Wiese. „Wie das hier duftet … Sieh nur, Richard, wie hoch und dicht das Gras steht; das ist ein Plätzchen wie für uns geschaffen!“ Bei diesen Worten strahlen ihre Augen mit der Sonne um die Wette. Einen Moment lang wird mir ganz anders zumute. Wehmütig denke ich, wie schön es wäre, wenn ich ehrlich zu ihr sein könnte – ja, wenn ich nicht völlig andere Pläne mit ihr hätte. Und was den Duft anbelangt, so macht Linda wohl der Geruch des eigenen Parfums immun gegen alles andere … beispielsweise sehe ich da tief im Gras versteckt Reste von etwas, was Ähnlichkeit mit einem Kuhfladen hat; doch verkneife ich mir einen entsprechenden Hinweis … Es hätte nur die Stimmung verdorben.

Aber wahrscheinlich hätte selbst das sie nicht von ihrem Vorhaben abgebracht. Auch auf meinen Hinweis, dass uns der Mähdrescher, den ich beim Vorbeifahren gesehen habe, möglicherweise einen Strich durch die Rechnung machen könnte, reagiert sie gelassen. „I wo – den hab‘ ich doch bestochen … wie jeden, der mir Vorschriften machen will. Du weißt offenbar noch nicht, dass ich alles und jeden haben kann?“ Mit einem lauten Lachen wirft sie mich auf die Decke … schleudert beide Slipper von sich. „Ich will dich … will alles von dir …!“

Ich zögere … Mir geht das alles ein bisschen zu schnell. „Aber das Beste immer zum Schluss – das solltest du doch wissen. Mein Appetit auf dich ist zwar immens, aber mein Hunger ist ebenfalls riesengroß“, bremse ich sie.

„Na gut, meinetwegen … Wenn du meinst? Dann tank‘ du mal gehörig Kraft!“ Dabei zwinkert sie mir zu. „Solange du unser Picknick vorbereitest, mache ich es mir schon mal bequem.“

Linda dreht mir den Rücken zu, dreht sich nochmals um, schaut mich verschmitzt an. „Und? Öffnest du mir den Druckknopf … bitte?“ Ich lege beide Hände auf ihre Schultern … spüre ihre weiche, glatte Haut. Ich kann mich nicht mehr zurückhalten; meine Lippen tasten sich langsam, unendlich langsam ihre Wirbelsäule hinab, während meine Hände suchend diesen sinnlichen Körper erfahren.

„Nanu? Macht dich so etwas etwa an? Hm? Und überhaupt – du hast mich gar nicht um Erlaubnis gefragt?“. Sie lacht schelmisch, dreht sich um, wobei das Kleid von ihren Schultern rutscht, drückt sich fest an mich … eine Hand gleitet langsam in meinen Hosenbund.

Obwohl ich spüre, wie mein Widerstand rapide schwindet, protestiere ich. „Stopp! Zuerst der Fisch, dann das Dessert! Und außerdem hast du gesagt, du hättest passende Musik dabei. Also – her damit.“

„Spielverderber … du! So, wie ich dich einschätze, hast du von Musik sowieso nicht viel Ahnung. Aber lassen wir’s drauf ankommen … Jetzt lass uns endlich essen, wenn’s denn sein muss!“

So schnell wie in den folgenden Minuten habe ich noch nie einen Fisch hinuntergeschlungen. Fast zu schade um das Tier, muss ich denken. Die drei Flaschen Wein sind ebenfalls rasch geleert – zu schnell für meinen Geschmack – in meinem Kopf dreht sich schon alles und ich habe zunehmend das Gefühl, dass ich bereit bin … für alles. Zumal sie nicht untätig bleibt. „Ich liebe nackte Haut“, schnurrt sie wie ein Kätzchen und entledigt mich gekonnt aller überflüssigen Textilien. Ihre fordernden Berührungen gehen mir durch und durch.

Während ich sie mit sanften Händen beim „Entblättern“ unterstütze, hat sie die Musik bis zum Anschlag aufgedreht, was ich durchaus verstehe. Denn dieses klassische Musikstück – zu meiner Überraschung ein Klavierkonzert von Rachmaninov – muss man einfach laut hören. Als ich ihr den Namen des Komponisten leise ins Ohr flüstere, zieht sie die Augenbrauen etwas hoch, verdreht die Augen und meint: „Na gut, das mit dem ‚keine Ahnung haben‘ nehme ich zurück.“

„Aber jetzt lenke nicht immer ab, Richard – komm!“ Sie wirft sich regelrecht auf mich … Haut an Haut. Die entflammte Hitze ihres Körpers elektrisiert mich bis in meine Fingerspitzen hinein. Ihrer maßlosen Gier kann ich beim besten Willen nichts mehr entgegensetzen. In mir vibriert alles. In ihrer Wildheit verschüttet sie – aus Versehen oder bewusst – den Rest aus ihrem Weinglas auf mich.

***

„Oh ja!“, ruft Linda begeistert aus. Einem Tier nicht unähnlich, das an etlichen ausgetrockneten Wasserstellen vorbeigekommen ist, leckt jetzt ihre Zunge begierig jeden einzelnen Topfen von meinem Körper … arbeitet sich Zentimeter um Zentimeter nach unten. Ich bin nahe daran, den Verstand zu verlieren, als sie plötzlich zu keuchen beginnt und sich an den Hals fasst.

„Was … was ist passiert?“ Ich fahre erschrocken hoch, als Linda unvermutet zur Seite wegrollt und sich danach aufbäumt. Entsetzt und hilflos zugleich muss ich mit ansehen, wie ihre Zunge immer stärker anschwillt und ihr die Augen fast aus den Höhlen treten. Anstelle einer Antwort ist da nur noch ein Krächzen.

Doch auch das hört bald auf.

Ich bin wie erstarrt … unfähig, auch nur einen Finger zu rühren.

Minuten vergehen. Ich betrachte sie aufmerksam – geschockt und fasziniert gleichermaßen. Hat meine süße, kleine Fischverkäuferin Xenia doch Recht gehabt mit ihrer Vermutung: „Wenn die nicht aufpasst, dann bekommt sie über kurz oder lang wieder ‘ne Anaphylaxie. Ihren Lachs solle sie gefälligst den Hasen geben – hab‘ ich ihr schon ein paarmal gesagt. Aber sie schluckt lieber Medikamente zur Vorbeugung einer allergischen Reaktion auf Fisch, als dass sie davon lassen würde. Sie habe doch sonst nicht mehr viel vom Leben, hat sie lediglich gemeint. Dabei ist die verwöhnte Tussi gerade mal so alt wie ich.“

Damals klang das Ganze für mich wie ein Geplapper zweier geschwätziger Frauen um Banalitäten. An einer Stelle jedoch fand ich es spannend:

Einmal sei Linda beim Einkaufen die Handtasche hinuntergefallen, wobei Xenia ihr wohl half, die tausend Kleinigkeiten – „… was eine Frau eben so braucht …“ – wieder einzusammeln. Bei dieser Gelegenheit habe Linda ihr verraten, dass sie den Tresorschlüssel ihres Bankschließfachs und auch ihre vielen Passwörter, säuberlich aufgelistet auf kleinen Notizzetteln, immer dabeihabe. Schließlich lebe sie allein. Ganz schön leichtsinnig, habe Xenia ihr geantwortet. Aber in diesen Dingen war Linda offenbar genauso stur wie bei ihrem Lachs.

Jemanden wie mich, der ständig in Geldnöten steckt – so eine teure Karre wie die meine lässt sich schließlich nicht von heute auf morgen abbezahlen –, macht so etwas natürlich hellhörig. Auch habe ich mich nach diesem Gespräch schlaugemacht, was man bei solch einer Anaphylaxie unter keinen Umständen tun und vor allem, auf was man ganz besonders achten sollte. Lindas Schwäche für Fisch in Verbindung mit Weißwein war da definitiv kontraproduktiv – zumal Alkohol bekanntermaßen als Verstärker dient.

Wie passend – und wie nützlich für mich …

***

Mittlerweile regt sich Linda kaum noch.

Sicher wäre alles gutgegangen – in meinem Sinne, versteht sich –, wenn das ungeschickte, strampelnde Ding nicht zu allem Überfluss die prall gefüllte, geöffnete Handtasche umgestoßen und der komplette Inhalt sich hierbei nicht im Gras verteilt hätte. Ausgerechnet an der Stelle mit den Kuhfladenresten. Im ersten Moment bin ich geschockt, fasse mich aber schnell wieder. Die Handtasche, der Schließfachschlüssel, die ganzen Zettelchen und Dokumente … Wie bekomme ich das alles je wieder zusammen? Und was soll sich der Bankmensch denken, wenn ich ihm den vielleicht noch nach Kuhstall riechenden Schließfachschlüssel vorzeige? Ich fasse es nicht!

Außerdem ist doch geplant, dass ich „nach getaner Arbeit“ meiner reizenden Fischverkäuferin sofort einen Besuch abstatte. Wenn ich mir ausmale, wie wir dort vielleicht weitermachen, womit Linda und ich gerade leider so abrupt aufhören mussten – mir wird ganz anders.

Verdammte Handtasche! Angesichts des Durcheinanders mit den im dichten Gras verteilten Unterlagen bin ich nahe daran, die Nerven zu verlieren. Verd‘ … wo ist er, der Schließfachschlüssel? Und wo sind die ganzen Aufschriebe hin verschwunden? Verflixte Zettelwirtschaft! In meiner Verzweiflung drehe ich das Designerstück auf den Kopf und schüttle es kräftig durch … Meine Finger durchwühlen alle Fächer und Seitentäschchen … „Puuh – der Alkohol lässt grüßen.“ Den Tränen nahe krieche ich auf dem Boden herum.

Unversehens beginnt die Erde zu vibrieren und ohrenbetäubender Lärm lässt mich innehalten.

„Hej – was soll das?!“, schreie ich lallend gegen den Lärm an. Sinnlos. Ich greife nach dem Ghettoblaster, der das Klavierkonzert in einer Endlosschleife brüllend wiederholt … schalte ihn ab … versuche, aufzustehen.

Zu spät!

Die Wiesenhalme vor meinen Augen biegen sich hastig zur Seite, machen bereitwillig dem Mähdrescher Platz. Dessen mörderisches Schneidwerk leistet jetzt ganze Arbeit.

Stille … Totenstille – vermerkt meine Seele.