von Guido Sawatzki
KI oder DER SCHLEICHENDE VERLUST DER WAHRHEIT
In der Nacht aus dem Halbschlaf aufgeschreckt, lässt mich seitdem dieser eine Gedanke nicht ruhen:
Wie kann das sein?
Wie kann es sein, dass ich mir manchmal tage- und nächtelang das Hirn zermartere, um meine Gedanken wohldurchdacht und strukturiert auf Papier zu bringen – und da gibt es Autoren, die jeden Tag ein bis zwei seitenlange Beiträge rauspfeffern? Dabei lässt sich das Ergebnis oftmals durchaus sehen. Vor allem drei oder vier Autoren sind es, die ich seit ein paar Monaten „like“ … und zwar mit Begeisterung; darunter sogar zwei philosophische Gruppen.
Mit der Zeit jedoch kamen mir die Beiträge regelrecht geglättet vor, dem Mainstream angepasst –
also an das, was (und wie) die Leut‘ halt gerne lesen … und worin sie quasi ein Spiegelbild ihrer eigenen Seele zu erkennen glauben. Die Texte kommen scheinbar aus dem Herzen, sprechen Gefühle an, wecken Emotionen und teilen das, was viele Leute so denken – zumal diese oftmals ihre eigenen Ängste und Sehnsüchte darin zu erkennen glauben. Und da meinen sie nun, jemanden gefunden zu haben, der sie versteht und ihre eigenen Zweifel an sich selbst ausräumt – am besten, ihnen den (verlorenen) Sinn ihres Lebens zurückgibt.
Solcherart Texte können regelrecht süchtig machen.
Auch ich kann mich davon nicht immer ganz befreien … fühle mich quasi darin pudelwohl; sie wirken tatsächlich berauschend. Auch springen mich die Namen meiner „Lieblinge“ geradezu an; ertappe mich sogar dabei, in Social Media nach genau diesen Autoren Ausschau zu halten.
Je öfter ich jedoch deren überlangen Texte lese, desto mehr erkenne ich einen „Singsang“ darin –
einen seltsam anmutenden Gleichklang, der mich inzwischen zunehmend an der Authentizität ihrer Texte zweifeln lässt. Mein weiterer Kritikpunkt gilt der Masse dieser Artikel, die da auf den „Markt“ geworfen wird und mich Fragen stellen lässt – beispielsweise die nach der Wahrheit … einer von der sogenannten Künstlichen Intelligenz (KI) konstruierten – zusammengestoppelten – „Wahrheit“.
An meinem Bücherstand auf diversen regionalen Buchmessen habe ich den folgenden Zettel hängen:
„Sag die Wahrheit … Ja, gerne – welche?“ Mehr nicht; meine Leser sollen ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Ein weiterer, nicht ganz unwichtiger Punkt:
Wofür braucht es überhaupt noch Texter, wozu Schreiberlinge in den Redaktionen? Deren Tätigkeit wird sich zukünftig mehr oder weniger im Ordnen und Einpassen der von KI generierten Texte in ein Gesamtkonzept erschöpfen – auf welches sie selbst KEINEN Einfluss mehr haben!
Die Wirtschaftsbosse freut es –
und Otto Normalverbraucher merkt kaum einen Unterschied.
KI sei Dank!
Und ich selbst?
Ich sitze weiterhin, so wie jetzt, an meinem Lieblingsschreibplatz am Fenster meiner kleinen Küche, mit Blick auf einen herrlich gewachsenen Mammutbaum, Serbische Fichten und eine Mädchenkiefer, auf welcher Spatzen und Blaumeisen herumhüpfen, wenn sie nicht gerade im Feuerdorn herumbalgen – und mühe mich Zeile um Zeile an einer neuen Kurzgeschichte sowie parallel dazu an einem neuen Roman … wenn ich nicht gerade verbissen unnütze Blogs für meine Website auf Social Media in den Laptop hämmere.
Außerdem muss ich doch ab und zu überkritischen Leuten Häppchen in Form von scheinbar KI-generierten Gedankenstrichen hinwerfen, um die sie sich balgen können.