GENERATIONENWECHSEL

Shortstory von Guido Sawatzki

Es war noch gar nicht lange her, da hatten die drei Oldies der örtlichen Badmintongruppe – alle um die 70 – Ersatz gesucht. Kurz vorher nämlich war ihr Mitspieler Bernd den Jordan runtergeschwommen – eine etwas süffisante Anspielung auf dessen exzessiven Alkoholkonsum von Karl, der die Gruppe aufgebaut hatte.

Auf Karls Suchanzeige in den sozialen Medien hatte sich wider Erwarten tatsächlich jemand gemeldet … Seine Skepsis, muss man wissen, war grundsätzlicher Art. Die Scharmützel auf diesem öffentlichen Schauplatz gingen ihm meist gegen den Strich … waren für seinen Geschmack zu oberflächlich. Immerhin frisches Blut, hatte er sich gedacht, als er las, wie alt Jerome war: Gerade mal 60 geworden. Später – so viel sei verraten – hätte sich Karl gewünscht, er hätte anders entschieden.

Jerome war der Prototyp eines Einzelgängers … schon von klein an. Warum er überhaupt auf diese Anzeige geantwortet hatte? Zunächst aus purer Neugier – denn eigentlich hatte er für so etwas keine Zeit … beziehungsweise wollte sie sich nicht nehmen. Sein Geschichtenschreiben nahm ihn genug in Beschlag … Eigentlich. Andererseits musste er dringend was für seine Fitness tun. „Du bist richtig bequem und fett geworden …“, hatte seine letzte Freundin zum Abschied festgestellt – was mittlerweile auch schon wieder ein paar Jahre her war.

Auch um das Eremitendasein seines Badmintonschlägers im Keller zu beenden, packte Jerome die Gelegenheit also beim Schopfe … zumal er sich selbst als nicht gerade unsportlich einstufte.

„Und …?“

Jerome zuckte zusammen … drehte sich irritiert um, als sich ihm während eines Päuschens beim ersten Spiel des neu gebildeten Quartetts plötzlich von hinten eine kleine Faust auf den Nacken legte. Als er sich irritiert umdrehte, schaute er in ein paar wunderschöne, grünblaue Augen.

„Wie gefällt es Ihnen hier? … Übrigens, ich heiße Gerda.“

Jerome schaute sich hilfesuchend nach seinen drei Mitspielern um. Die hatten sich zwar kurz hergedreht, sahen aber wegen des neuen Gastes offensichtlich keine Veranlassung, ihre lebhafte Unterhaltung zu unterbrechen. Immerhin ging es dabei um ein für sie weltbewegendes Thema: den wieder mal gestiegenen Bierpreis. Sich über derlei Dinge den Kopf zu zerbrechen, dazu hatte Jerome nun wirklich keine Lust. Er interessierte sich eher für kulturelle Themen. Mit diesem Trio darüber sprechen zu wollen, wäre wohl eher Perlen vor die Säue geworfen.

„Ich … ich bin Jerome … Was …?“

„Ein außergewöhnlicher Name“, unterbrach ihn Gerda … sie lächelte ihn dabei auffallend lange an. Wenn ihr jemand gefiel – und das war hier offensichtlich der Fall –, dann machte sie von Anbeginn an kein Hehl daraus. „Soweit ich weiß, leitet sich dein Name vom heiligen Hieronymus ab.“

„Oh, dann wissen Sie mehr als ich … aber warum …?“ Jerome war verlegen.

„Eine Frau muss sich heutzutage schließlich erkundigen, mit wem sie anbändelt.“ Gerda lachte. „Aber zum Glück bin ich ja verheiratet.“ Gerda deutete kurz mit dem Kopf zu ihrem Mann hin. „Mit ihm da … mit Karl.“

„Ach so …“, meinte Jerome etwas verwirrt. In seinen Ohren hatte ihre Äußerung fast ein wenig abwertend geklungen. „Möchten Sie etwas trinken?“

„Hm … hier? Ich wüsste da etwas Besseres. … Oder? Was meinst du … Jerome?“

„Aber erst, wenn wir hier fertig sind mit Spielen – okay?“

„Also … bei solchen Dingen spiele ich nicht“, gab Gerda reichlich zweideutig zurück. „Übrigens … ich heiße Gerda. Okay?“

Jerome sah sie unschlüssig an. „Ich muss … bis später vielleicht?“, gab er noch zur Antwort, bevor er sich seinen Badminton-Schläger schnappte und in Richtung der Bar ging.

„Na also, dann hast du ja meine Frau, die fünfte im Bunde, jetzt auch kennengelernt – Arnd und Carsten kennst du ja schon“, sprach Karl das neue Mitglied an.

„Ich wusste gar nicht, dass du verheiratet bist“, meinte Jerome. „Machen wir weiter? Mir wird kalt.“

Verführung pur

Das Spiel endete abrupt. Karl war nach einem fulminanten Sprung am Netz unglücklich aufgekommen und mit dem Fuß umgeknickt. Seine beiden langjährigen Mitspieler hatten sich schon gewundert, dass er wie ein junger Gott spielte – aber wahrscheinlich wollte er es dem Neuen zeigen …

„Das wird schon wieder …“, meinte Karl, während er mit schmerzverzerrtem Gesicht zum Spielfeldrand humpelte. Gerda, die die Szene gar nicht mitbekommen hatte, weil sie in dem Moment wieder mal mit ihrem Handy zugange war, lief ihm entgegen. Schon wollte sie ihren Arm hilfreich unter seinen schieben, aber Karl wies sie brüsk zurück. „Tu doch nicht so, als wolltest du mir helfen, das tust du doch sonst auch nicht. Lass das! Du machst dich lächerlich, Gerda.“

Ganz schön starker Tobak, dachte Jerome … und das vor den anderen! Gerda stand wie versteinert da … ihr Gesicht verdunkelte sich. Sie hatte zwar bereits eine scharfe Antwort auf der Zunge, konnte sich aber noch zurückhalten.

Karl hatte sich kaum zur nächsten Sitzbank geschleppt, als er auch schon zu ihr hinüberrief: „Auf, Gerda, beweg deinen Hintern! Jetzt musst du ran. Schließlich habe ich den Platz für zwei Stunden bezahlt.“ Gerda funkelte ihn wütend an.

„Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt passende Sachen dabeihabe“, gab sie zurück. Der Ärger über Karls Tonfall brannte in ihr … Nein, sein Verhalten war unmöglich … sie war doch nicht seine Sklavin! Keinesfalls jedoch würde sie sich diesen Nachmittag verderben lassen. Wie so oft versuchte sie, ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. Nur noch ein paar Tage, dann würde ihr Flieger nach Indonesien abheben. Sie hatte sich in dieses Inselreich regelrecht verknallt. Auch würde sie dort endlich wieder ein Stück Freiheit spüren … Oh, wie sie sich danach sehnte – und wie sehr sie das brauchte. Ihr Mann – ein buchstäblicher Klotz am Bein – würde sich dort am Meer wieder ausgiebig seiner Angelleidenschaft hingeben. Das war, dachte Gerda bitter, fast noch die einzige Leidenschaft, die er hatte – außer Badminton. Lächerlich … angeln! Sie verdrehte innerlich die Augen. Da hatten Arnd und Carsten schon mehr zu bieten. Nächste Woche wollten sie nach Italien fliegen, in die Mailänder Skala … Ob Jerome wohl auch auf so etwas Lust hätte?

Doch trotz aller Liebe zur Musik würde Gerda nicht mit ihnen tauschen wollen, denn Indonesien wartete mit Sehenswürdigkeiten auf, die ihresgleichen auf der Welt suchten. Ein einziges Mal war sie bisher dort gewesen … zwei Wochen im Schnelldurchlauf sozusagen – doch reichten Gerda diese aus, um sich in das Land zu verlieben. Mit Indonesien verband Gerda nicht nur buddhistische Tempel, sondern vor allem die Begegnung mit freundlichen Menschen. Allein schon aufgrund ihrer Kultur schienen Geld und Äußerlichkeiten traditionell keine so große Rolle zu spielen. Für diese Reise hatte sie sich die dortigen Vulkane vorgenommen, vor allem die Kraterseen. Die jedoch, so hatte sie gelesen, seien nicht ungefährlich. Vielleicht reizte sie gerade das … ihr eigenes Leben fand sie schon seit Langem ohnehin nur noch langweilig.

Nein. Ihrer Ehe war jeglicher Enthusiasmus abhandengekommen … und das seit Jahren schon. Und jetzt drohte wegen Karls Leichtsinn womöglich dieser Urlaub, auf den sie sich schon so lange freute, ins Wasser zu fallen. Er konnte einem auch wirklich alles verderben. Aber was soll’s! Notfalls konnte er sich dort ja einen Angelguide mieten und dem dann vom Liegestuhl aus beim Fischefangen zusehen. Geld genug hatte er schließlich, dachte sie bitter. Ganz schön naiv war sie damals bei ihrer Heirat gewesen, dass sie einer Gütertrennung zugestimmt hatte. Am Anfang hatten sie ungefähr gleich viel besessen. Erst durch Aktienspekulationen war er dann reich geworden … stinkreich. Seine beiden Mitspieler übrigens auch. Carsten und Arnd teilten sich sogar einen kleinen Privatjet, wie Karl ihr mal erzählt hatte. Und genau mit diesem würden sie jetzt auch zusammen in den Urlaub fliegen.

Ein Anwalt hatte ihr vor einiger Zeit erklärt, dass sie nur mit sehr viel Glück etwas von Karls Vermögen sehen würde … bei einer Scheidung. Erst kürzlich hatte ihr Mann damit geprahlt, dass er vor dem Finanzamt wie ein armer Schlucker dastünde. Misstrauisch geworden hatte sie daraufhin in seinen Papieren geblättert, die, wie er offenbar glaubte, für andere unauffindbar waren. Jedenfalls war sie dabei auf einige Ungereimtheiten gestoßen … unter anderem auf ein neues, handschriftliches Testament, welches ihre bisherige gemeinsame Vereinbarung aufhob. Na warte, dachte sie. Sie steckte das Schriftstück ein. Karl war mit seinem ganzen Dokumentenkram ohnehin oft überfordert; er würde den Verlust nicht so schnell bemerken – oder aber annehmen, er habe das Schriftstück selbst verlegt.

Gerda seufzte tief. Zum Glück war ihre Ehe von größeren Krisen bislang weitgehend verschont geblieben und dementsprechend waren auch keine juristischen Winkelzüge nötig gewesen. Wenn überhaupt, dann war es gelegentlich die eine oder andere kleine Affäre, die für Unfrieden gesorgt hatte. Nein, Unschuldsengel waren sie beide nicht und hatten gleichermaßen ihre Chancen. Manchmal jedoch – wie gerade jetzt – bereute sie, nicht früher nach jemand anderem Ausschau gehalten zu haben … nicht nur nach einem mit Dollarzeichen in den Augen. Nein – nach jemandem Richtigen … einem Mann mit Herz und Empathie. Mit der Zeit war das für sie beinahe wichtiger als alles andere.

„Gerda … Gerda! Wo bleibst du denn?!“ An Karls Stimme konnte sie immer sofort erkennen, wie er momentan drauf war … und in diesem Moment war er offensichtlich sehr, sehr wütend. Doch wollte sie ihn spüren lassen, dass sie nicht sein Eigentum war, weshalb sie in der Umkleidekabine von den Tops jetzt bewusst dasjenige auswählte, bei dem den Männern regelmäßig die Luft wegblieb. Mit einem tiefen Gefühl der Genugtuung stellte sie sich vor, wie Karl gleich an die Decke gehen würde. Jerome dürfte ungefähr in ihrem Alter sein, überlegte sie, während sie fast so lautstark wie ihr Mann ein „Komme gleich“ zum Platz hinüberrief.

Als Gerda dann betont aufreizend zum Spielfeld hinüberstolzierte, spürte sie die Blicke der Männer beinah wie die Tentakel einer Krake nach ihr greifen. Insgeheim amüsierte sie sich – wenn die weiterhin so glotzten, würden denen womöglich noch die Augen aus dem Kopf fallen. Bei Jerome dagegen war es vollkommen anders … seine Augen ruhten eher sanft, wie eine zweite Haut auf ihrem Körper … so, als streife sein Blick ganz sanft – fast zögerlich – an ihrer Haut entlang … Jeden Zentimeter, den er sich (und in Gedanken vielleicht auch seine Hände) hinuntertastete, spürte sie in diesem Moment so deutlich, als ob es tatsächlich geschehen würde. Sie verging fast vor Erregung.

„Jetzt komm schon, Gerda … was ist denn?!“ Karl verlor die Geduld. „Weißt du überhaupt, wieviel mich jede einzelne Minute in diesem protzigen Sportklub kostet? Mir reicht schon, was allein DU mich kostest!“

Gerda verdrehte die Augen. Karls eiskalte Stimme schaffte es immer wieder, sie aus ihren Träumen zu reißen. Romantik? Fehlanzeige. Auch deshalb konnte sie ihn kaum noch ertragen.

In Jeromes Blick hingegen las sie pures Mitgefühl.

„Also los, Jungs … seid ihr bereit?“

Mit einer Wucht, die ihr auf den ersten Blick kaum jemand zutraute, brachte Gerda ihren Aufschlag über das Netz in das diagonale Aufschlagfeld ihrer beiden Gegenspieler. Die jedoch waren damit vollkommen überfordert … ihre Reaktion viel zu schwach. Keinerlei Chance, ihre Bälle zu erreichen oder sie gar erfolgreich zurückzuspielen. Mit Genugtuung sah Gerda, wie Jerome – ihr Partner im Doppel – vor lauter Staunen fast der Mund offenblieb.

„Ich habe das Gefühl, dass ich hier über die Statistenrolle nicht hinauskommen werde … Gerda.“ Zum ersten Mal hatte er sie bei ihrem Vornamen angesprochen. Gerda lächelte zu ihm hinüber. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sich in seinen Worten weit mehr versteckte als bloßer Respekt für ihre Leistung – Zuneigung etwa?

Drüben auf der Bank klatschte sogar ihr Mann Beifall. „Ich habe dich schon lange nicht mehr so gut spielen sehen!“, beglückwünschte er sie. Ein solches Lob aus seinem Munde hatte sie auch schon ewig nicht mehr gehört … sie freute sich wahnsinnig. Aber schon einen Herzschlag später holte er sie zurück in die Realität. „Pass nur auf, dass deine Möpse nicht aus dem Dekolleté hüpfen … nicht, dass ich Dir noch neue kaufen muss!“ Karls schallendes, bösartiges Lachen hallte in ihr minutenlang nach. Oh, wie sie ihn hasste! So etwas war einfach nur demütigend und verletzend. Arnd und Carsten, ihre Matchpartner, schauten sich vielsagend an.

Im Blick von Jerome dagegen glaubte sie ein sanftes Mitfühlen zu erkennen. Er lief zu ihr hinüber und drückte ihre Hand … ganz fest. Die Art, wie er sie berührte, ließ ihr Innerstes erbeben. Schon vorhin beim Hereinkommen war ihr Blut in Wallung geraten … und auch jetzt fühlte Gerda den Puls bis zu den Schläfen hinauf pochen. Dankbar schaute sie ihn an. Sie hatte Mühe, ihre Hände wieder von seinen zu lösen. Gerda glaubte zu spüren, dass sich gerade etwas Entscheidendes ereignet hatte.

In Karls Augen hingegen las sie gespielte Verwunderung darüber, dass sie nach seiner Beleidigung nicht ausgerastet war. Aber dass sie sich so gut im Griff hatte, damit hatte er bestimmt nicht gerechnet. Wenn du wüsstest, was ich gerade denke. Voller Genugtuung bemerkte Gerda, wie ihre Selbstsicherheit wuchs. Auch im weiteren Spiel ließ sie sich nichts anmerken … zeigte keinerlei Emotionen, spielte souverän wie selten zuvor.

Bewundernd erlebte Jerome mit, wie diese zierliche Frau das Match dominierte. Gemeinsam spielten sie Carsten und Arnd in Grund und Boden.

„Ich glaube fast, ich habe dich unterschätzt!“, sagte er leise zu ihr.

Nach dem letzten Ballwechsel nahm er erneut Gerdas Hand – und wieder spürte sie diesen Strom, der sie schon zuvor aus dem Gleichgewicht gebracht hatte … der sie derart überwältigte, dass sie ein paar Sekunden lang kein vernünftiges Wort herausbrachte – gerade so, als hätte sie jemand verhext.

„D … danke“, stammelte Gerda. Was zum Teufel ist bloß los mit mir, fragte sie sich. Warum reagiere ich so auf ihn?

„Äh … Ich glaube, ich muss jetzt dringend unter die Dusche … Wir sehen uns.“

„Ich warte auf dich … Gerda“.

Sie hielt inne, ihr Gesicht wirkte plötzlich ernst. Und erneut hatte Jeromes Stimme diesen liebevollen Unterton.

„Vielleicht musst du lange warten, Jerome … sehr lange.“

Jerome stutzte. Ihr Tonfall ließ ihn aufhorchen … Es klang zweideutig – nicht wie eine Abfuhr … eher wie ein Versprechen. Ihm war klar, dass sie in diesem Moment, so vor aller Augen, nicht viel reden konnten, dennoch musste er wissen, wie sie das meinte.

„Gefühle sind zeitlos, Gerda …“ Jerome war selber verblüfft, wie spontan und irgendwie doch selbstverständlich seine Worte daherkamen. Aber er hatte wohl ins Schwarze getroffen. Der Blick, den sie ihm danach zuwarf, war eindeutig. Was er darin zu lesen glaubte, war tiefe, ehrliche Zuneigung … Etwas, was er schon lange nicht mehr erlebt hatte.

Gerda musste wieder an Karls Testament denken … und dass er sie quasi mit einem Federstrich aus seinem Leben ausgeklammert hatte. Doch sollte er sich nicht zu früh freuen … dieser Mistkerl. Auch sein Leben war begrenzt. Ihr eigenes hingegen mit seinen unendlichen Möglichkeiten lag noch vor ihr.

Vielleicht mit Jerome?

Umsonst ist nichts

Jerome lief hinüber zu der Bank, auf der Karl sein Bein hochgelagert hatte, während eine junge Frau – ein kleines Schild an ihrem T-Shirt wies sie als Physiotherapeutin des Sportklubs aus – sich an seinem Fuß zu schaffen machte. An Jerome gewandt meinte Karl: „Meine Frau hat Sie ganz schön ins Schwitzen gebracht – was? Aber immerhin ist sie auch 15 Jahre jünger als ich – also ungefähr in Ihrem Alter, Jerome.“

Mühsam zog sich Karl mit Hilfe der Physiotherapeutin in die Höhe. Die drückte ihm zwei Krücken in die Hand. „Hier, nehmen Sie. Mit den Krücken werden Sie noch ein paar Tage leben müssen. Vergessen Sie aber nicht, dass sie zurückgegeben werden müssen. Ansonsten muss ich sie Ihnen in Rechnung stellen. Okay?“

Karl schaute bissig, sagte aber nichts weiter. Er nickte lediglich. „Alle wollen nur mein Geld!“, schnaufte er und seufzte theatralisch.

„Seien Sie dankbar, dass es nichts Schlimmeres ist, Karl. Ihr Knöchel scheint nur etwas geprellt zu sein … schmerzhaft zwar, aber nichts von Bedeutung. Mir ist sowas auch schon passiert.“

Karl hatte Glück. Noch rechtzeitig vor dem Indonesien-Urlaub war er wieder soweit fit, dass er zumindest keine Krücken mehr brauchte. Vorsichtshalber setzte er beim Badminton erstmal aus.

„Er zählt zu Hause lieber sein Geld“, meinte Gerda zu Jerome, als sie sich mit Arnd und Carsten wieder zum Badminton trafen. „Übrigens …“ dabei blinzelte sie ihm zu, „hatten wir nicht mal ‘ne Verabredung zu einem Drink?“

„Ich möchte die Situation nicht ausnützen. Ich hoffe, du verstehst das, Gerda.“

Aber was Gerda sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, zog sie auch durch. „Stell dir vor, Jerome, du hast nur diese eine Chance …“, setzte sie ihn unter Druck. „Die Bar ist gleich in der Nähe“, lockte sie ihn. „Ich zahle auch.“

Da musste Jerome dann doch lachen. „Du bist ja schon genauso schlimm wie dein Mann!“

„Tschüss dann und viel Spaß noch!“, rief einer der Mitspieler hinter ihnen her.

Jerome war irritiert. „Wie hat der das gemeint?“

Gerda winkte ab und lachte. „So sind Männer halt, wenn sie in ein bestimmtes Alter kommen. Ich muss nur noch mal kurz für kleine Mädchen. Lauf‘ mir ja nicht weg!“ Dabei schaute sie ihn so lieb an, dass ihm ganz warm ums Herz wurde.

Beim Warten wurde Jerome Zeuge, wie Arnd und Carsten miteinander tuschelten. „Wurde auch Zeit, dass jemand Neues kam. Obwohl … unser bisheriger Vierer in ihrem Wohnmobil nach den Spielen war doch auch nicht ohne – oder? Super, dass Karl das nichts ausmacht. ‚Macht euch keine Gedanken‘, sagt er doch immer … und: ‚Für Geld macht die alles.‘ Und sie hat alles mitgemacht … Auch im Flieger nach Indonesien werden wir wieder unseren Spaß mit ihr haben … stimmts?“

„Nicht erst dann“, meinte Arnd. „Dank der Kameras sind wir doch immer auf dem Laufenden. Bin gespannt, was der Neue so draufhat. Übrigens finde ich ihn gar nicht so unsympathisch. Vielleicht sollten wir mal über einen Generationenwechsel nachdenken …. Würde auch unseren gemeinsamen Geschäften guttun. Was meinst du?“

Es fiel zwar kein Name, aber von welcher Frau sonst konnte da die Rede sein? Jerome starrte finster vor sich hin. In diesem Moment bog Gerda um die Ecke. Als sie sein Gesicht sah, stutzte sie. „Aber so lange war ich doch gar nicht weg, dass du deswegen solch ein Gesicht ziehen musst.“

Gerda packte Jerome an der Hand und zog ihn quer über den großen Parkplatz hinter der Sporthalle hinter sich her. „Na, wie gefällt dir das?“ fragte sie grinsend, als sie vor ihrem Auto stehenblieb – dem letzten in der Reihe.

„Wow! Ist das etwa deins?“

Jerome hatte schon wieder allen Grund, über diese Frau zu staunen. Vor ihm stand ein bulliges Wohnmobil, 6-rädrig.

„Da kannst du drauf wetten! Du siehst hier meinen 1977 6-Wheel Dodge Van. … Geil, oder?! Fast wie ein zweites Zuhause … Komm rein.“

Karl und seine Kumpels wussten schon, womit sie sie ködern konnten, dachte Gerda. Selber hätte sie sich eine solche Kutsche natürlich niemals leisten können. Andererseits gab sie den „Jungs“, was die wollten … Umsonst ist nichts! Aber auch ohne „das“ waren ihr Arnd und Carsten sympathisch.

Voilà – die Bar!“  Nicht ohne Stolz deutete Gerda auf die vollen Regale. Jerome zählte mindestens zehn unterschiedliche Sorten Alkohol. Hauptsächlich Whisky und Gin. „Für mich bitte ein Wasser …“ Weiter kam er nicht, denn Gerda umschlang ihn plötzlich mit beiden Armen – für einen Moment schien es ihm, als ob sie sich an ihn klammerte … wie an einen letzten Strohhalm. Wortlos zog sie ihn in den Wohnbereich. Überrascht blickte er auf mehrere superbequeme Sessel, eine breite Couch und – ein französisches Bett.

„Mach‘s dir bequem … komme gleich.“ Das Lächeln, das sie Jerome dabei schenkte, versprach mehr, als ihm lieb war. Denn er hatte immer noch die Unterhaltung von Carsten und Arnd im Ohr. Vor allem deshalb setzte er sich lieber in einen der Sessel … dort fühlte er sich jetzt einfach wohler. Als Gerda zurückkam, trug sie anstelle ihres Sportdress‘ ein eng anliegendes Kleid, das mehr offenbarte als verhüllte.

„Komm“, lockte sie ihn. „Wenigstens auf die Couch … ja? Wir sind hier ganz allein … können alles tun, was uns Spaß macht. … Bitte!“

Venusfalle

Gerda löschte sämtliche Lichter … zündete dafür eine Kerze an. Auf Jerome machte das Ganze beinahe den Eindruck einer Zeremonie; er vermutete, dass sie es ihm damit leichter machen wollte … das Zusammensein mit ihr.

Sie wusste natürlich, dass das schwache Licht für die Kameras nicht ausreichte und die anderen sie für eine Spielverderberin halten mussten, doch das war ihr jetzt egal. Die Eingangsszenen mussten den Spannern diesmal reichen. Jetzt zählten nur noch Jerome und sie. Alles andere war unwichtig. „Kamera aus“, murmelte sie und stellte den Zentralschalter auf OFF.

Wenn Jerome sich zu Anfang noch wie in einer Venusfalle gefühlt hatte, so war die vermeintliche Enge von einer Sekunde zur anderen einem geballten Gefühl von Freiheit gewichen, welches ihn beinahe benommen machte. Das, was in den folgenden beiden Stunden geschah, würde er so schnell nicht vergessen – darin war sich Jerome sicher. Allein den Duft ihrer Haut empfand er als kostbaren Schatz, den er am liebsten ein Leben lang konserviert hätte …

Sie saßen dann noch lange zusammen, unterhielten sich über dies und das. Dabei erfuhr Gerda so nebenbei, dass Jerome von Beruf Steuerprüfer beim Finanzamt war. Das brachte Gerda auf eine Idee. Abends zu Hause erzählte sie Karl davon … so, als ob es die größte Nebensächlichkeit der Welt wäre. „Du, stell dir vor, Karl, der jagt Steuerbetrüger … irre, was?! Und bei seinem neuen Fall sei er schon ganz nah an so einem dran!“

Gerda bemerkte voller Genugtuung, dass sich, je mehr sie davon erzählte, auf Karls Stirn zunehmend kleine Schweißperlen bildeten – wie bei Menschen, die unter enormem Druck stehen.

Karl war verwundert, aber zugleich auch froh, dass Gerda so freimütig über ihr kleines Erlebnis mit Jerome erzählte. Doch vermutlich hätte er es durch die Videos sowieso erfahren. Nein, dachte er, süße Geheimnisse – so, wie früher – hatten sie schon längst keine mehr. In letzter Zeit hatte er ohnehin immer öfter das Gefühl, dass es Zeit war, sich von Gerda zu verabschieden. Sie wusste einfach zu viel über seine Geschäfte. Und auf keinen Fall durfte er es zulassen, dass ihr neuer Lover, Jerome, möglicherweise davon Wind bekam oder ihm und seinen Freunden gar dazwischenfunkte.

Wenige Tage vor ihrem Abflug nach Indonesien lud er den ahnungslosen Jerome zu sich ein. Gerda war da gerade bei einem Freundinnentreff. „Ich habe so gewisse Schwierigkeiten mit der Finanzbehörde“, eröffnete Karl, für Jerome völlig unerwartet, den Abend.

„Ach Karl, können wir nicht von etwas anderem reden? Das ist doch sowas von uninteressant“, versuchte Jerome das Thema zu wechseln.

„Wie du meinst, Jerome – dann sehen wir uns halt Videos an … aber schau genau hin.“ Karl legte das nur wenige Tage alte Video aus Gerdas Luxusvan ein.

„W … wwwas …“, begann Jerome. Entsetzt starrte er seinen Gastgeber an.

Der grinste nur fies. „Soll ich das Filmchen etwa schon anhalten, Jerome? Bist du dir wirklich sicher? … Jammerschade. Ich für meinen Teil finde die Szenen so richtig schnuckelig – wie aus dem wahren Leben! Und die Qualität erst … einfach topp.“

Karl beugte sich ein wenig zu Jerome vor, ganz so, als ob er ihm ein Geheimnis anvertrauen wollte. „Ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast, Jerome, dass Gerda die diversen Kameras, die im Van verteilt sind, ausgeschaltet hat … Das heißt, sie wollte sie ausschalten – zumindest nahm sie das an. In Wirklichkeit lief eine nämlich noch weiter. Dass sie die übersehen hat … hm. Ist entschuldbar, meine ich … würde das ihrer, in diesem Fall durchaus verständlichen Aufregung zuschreiben. Außerdem hatte sie es in dem Moment sicher etwas eilig.“

Karl lächelte süffisant. „Nein – daraus sollte man ihr keinen Strick drehen … findest du nicht auch, lieber Jerome?  Und rücksichtsvoll, wie ich bin, werde ich sie damit selbstverständlich nicht konfrontieren … zumindest jetzt noch nicht. Ich bin kein Mensch, der die Abhängigkeit Anderer ausnutzt – außer man zwingt mich dazu.“

Karl, der in diesem Moment an Falschheit kaum zu übertreffen war, schien sich an Jeromes betroffener Miene regelrecht zu ergötzen. „Und weißt du, Jerome, was ich noch denke?“ Seine Stimme klang jetzt beinahe sanft. „Dass wir stets penibel darauf bedacht sein sollten, Privates und Geschäftliches zu trennen. Denn auch du willst doch sicher nicht, dass diese Videos bei den falschen Leuten landen … stimmt‘s?“

Wenn Jerome es recht bedachte, dann hatte Karls Gesicht in diesem Moment etwas von einer Teufelsfratze – so, wie man sie aus der Geisterbahn kannte.

Jerome war aschfahl geworden … wollte nur noch eines wissen: „Weiß deine Frau … weiß Gerda davon … also von den Filmchen?“

„Es mag vielleicht nicht so scheinen, Jerome, aber wir haben keine Geheimnisse voreinander … kein einziges.“ Karl grinste schmierig. „Nun zieh doch nicht solch ein zerknirschtes Gesicht, mein Lieber. Es will dir doch niemand den Kopf abreißen! Aber es ist nun mal eine böse und schlüpfrige Welt, in der ich mich manchmal bewegen – mitschwimmen – muss wenn ich nicht untergehen will. Willkommen im Klub, Jerome.“ Karl streckte ihm die Hand hin – dies jedoch nicht als Geste der Freundschaft, sondern vielmehr wie jemand, der einen Pakt beschließen will. „Auch du wirst mit der Zeit feststellen, vor allem, wenn du länger dabei bist, welche Qualitäten in dir noch im Verborgenen schlummern. Ich allein kann dir helfen, sie zu versilbern … was sage ich da – zu vergolden natürlich! Sobald ich aus Indonesien zurück bin, machen wir Nägel mit Köpfen. Ich denke, du kannst gar nicht anders als ‚Ja‘ sagen – Stimmts? Lass uns darauf anstoßen!“

***

Gerda war fassungslos. „Du bist wirklich das Allerletzte, Karl – das vergesse ich dir nie! Das wirst du bereuen, das verspreche ich dir! Vor allem, da er jetzt auch noch glauben wird, ich hätte ihn hintergangen. Aber merke dir eines: Man kann nicht alles und jeden kaufen! Wenn deine Badmintonfreunde wüssten, wie niederträchtig du sein kannst – die würden dir sofort die Freundschaft kündigen.“

Diese wenigen Sätze sollten das Einzige sein, was er an diesem Abend noch von Gerda hörte – so verbittert war sie. Insgeheim nahm sie sich vor, den Badmintonfreunden bei Gelegenheit reinen Wein einzuschenken.

Und Karl war klar, dass er jetzt handeln musste – vor allem auch, weil er seinen handgeschriebenen Letzten Willen vermisste … Und er glaubte zu wissen, dass als Dieb nur eine Person als infrage kam – diejenige, die von diesem Verschwinden am meisten profitierte … Gerda!

Überraschung

Bei dem Privatflieger handelte es sich um einen klassischen Fünfsitzer – mit einem riesigen Stauraum und einer ebenso großen Heckklappe. Durch die könne man ja ein Kamel hindurchschieben, hatte Karl gewitzelt, als ihn vor ein paar Monaten seine Freunde Arnd und Carsten als frischgebackene neue Eigentümer des Jets zum Jungfernflug einluden.

Gerda hatte bereits hinter ihm in der Passagierkabine Platz genommen, als sich die Tür noch einmal öffnete und die Gangway herausklappte. Sie glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als Jerome hereinkam.

Karls Gesichtsausdruck verriet nichts Gutes. „Ich hoffe doch, du hast nichts dagegen, mein Schatz. Ich habe ihn erst vor drei Stunden angerufen und ihn eingeladen, mitzukommen. So junge Menschen wie er, dachte ich, sind da zeitlich noch flexibel – anders als wir alten Knacker. Den Sitz neben dir habe ich extra für ihn frei gelassen. Außerdem will ich dir doch beweisen, dass ich mit Geld jeden kriegen kann.“ Karl amüsierte sich köstlich über Gerdas Verblüffung.

Nach drei Zwischenlandungen wegen diverser Tankstopps und einem im Großen und Ganzen ruhigen Flug mit auffallend wenigen Gesprächen näherten sie sich ihrem Ziel.

„Hattest du nicht davon gesprochen, dir diesen einen, ganz speziellen See auf Java ansehen zu wollen, Gerda? Den Kawah Ijen – der mit dem extrem hohen Schwefel- und Chlorwasserstoffgehalt, weshalb er auch das größte Säurefass der Erde genannt wird. Und wusstest du, dass ein längeres Bad darin zwangsläufig zum Tode führen würde?“

Karl grinste wie ein Honigkuchenpferd. Er schien es zu genießen, Gerda die Details derart drastisch vor Augen zu führen. Am liebsten hätte sie ihm dafür in seine hinterhältige Visage geschlagen. „In wenigen Minuten werden wir über diesen See fliegen … in höchstens 200 Metern Höhe. Schnallt euch deshalb jetzt bitte gut an! Es dürfte unruhig werden.“

Karl ließ einige Sekunden verstreichen … warf nochmals einen prüfenden Blick auf die Anschnallgurte der beiden. Er dachte dabei an die Installationen, die seine Freunde erst kurz zuvor am Flieger vorgenommen hatten. Im Boden, unter den drei Passagiersitzen, befanden sich nämlich jetzt behelfsmäßige Notausgänge – vom Cockpit aus steuerbar.

Generationenwechsel

„Bodenluken auf und los!“ rief Karl beinahe übermütig nach vorn zu Arnd und Carsten, den Piloten. Mit Blick auf die entsetzten Gesichter von Gerda und Jerome, die verzweifelt an den Gurten zerrten, weil diese sich nicht öffnen ließen und außerdem der Boden unter ihnen quietschende Geräusche von sich gab, fügte er noch hinzu: „Tut mir leid, Jerome, aber du bist mir ein kleines Stückchen zu nah auf die Pelle gerückt. Jedenfalls guten Flug und fröhliches Plantschen euch beiden! Es wird schnell gehen. Versprochen.“

Während sich Gerda und Jerome, ihr entsetzliches Los vor Augen, an den Händen festhielten, ließ Karl sich lässig in seinen Sitz fallen … wartete darauf, dass die Bodenluken aufklappten. Doch nichts tat sich. Karl wollte schon aufstehen, um im Cockpit nachzufragen. Aber auch sein Gurt ließ sich seltsamerweise nicht mehr öffnen. „He … was ist los?“, rief Karl nach vorne.

Carsten, einer der beiden Piloten, stand gemächlich auf, bemerkte nur trocken zu Karl: „Zeit für einen Generationenwechsel … oder – was meinst du? Nachdem wir erfahren haben, in welcher Branche Jerome arbeitet, haben wir umdisponiert – wir wollen auf Nummer Sicher gehen. Wird unseren Geschäften bestimmt guttun … Außerdem spielt er super Badminton … Ach ja, wie es der Zufall will, konnten wir gestern auch mit Gerda ausführlich über unsere Angelegenheiten sprechen – und tschüss … Karl!“.

Gerda und Jerome wurden plötzlich von einem eisigen Luftstrom erfasst – aber nur für einen kurzen Moment … gerade mal so lang, wie es dauerte, bis die Bodenluke wieder zuging … dort, wo Karl eben noch gesessen war.