Shortstory von Guido Sawatzki
Wir waren gerade erst dazu gestoßen, hatten uns anlocken lassen von der Masse der Neugierigen, die das Hafenbecken umringten. Es war wirklich ein riesiges Becken, vermutlich konstruiert zum Bau von Containerschiffen. Doch war diese Zeit längst vorbei … Möglicherweise hatte die Nachfrage stagniert, weshalb sich die Investoren auf einen neuen Verwendungszweck besannen.
Nun, dass mit Badegästen allein kein Vermögen zu gewinnen war, das durfte ihnen sicherlich klar gewesen sein – vor allem ohne eine zündende Geschäftsidee dahinter. Übrigens war es reiner Zufall, dass ich auf ihre Anzeige stieß; die mich in letzter Konsequenz jedoch mehr entsetzte als erstaunte. „Schwimmen – bis zum bitteren Ende!“
Zwar zähle ich mich nicht zu den sensationslüsternen Zeitgenossen, die jeder Schlagzeile hinterhertraben. Dennoch … irgendetwas – ich bin mir immer noch nicht sicher – rührte mich an. Tja, und jetzt waren wir hier. Wir – das war ich und … ja, wer eigentlich. Ich war mir vorerst nur über eines im Klaren – dass ich sie wohl schon sehr lange kannte … Eine Ewigkeit sozusagen; gefühlsmäßig.
Fast schon ein wenig verzweifelt versuchte ich, mich zu sammeln. Alles kam mir plötzlich so unwirklich vor – fast gespenstisch. Selbst dieses Hafenbecken hier. Seltsam, dass es mir bisher nie aufgefallen war … dabei befand es sich doch in meiner Heimatstadt. Auch musste es Hafen und Becken eigentlich schon lange vor meiner Zeit gegeben haben … wenn ich es recht bedachte.
Und wie gut kannte ich sie, diese Frau, die da neben mir herlief, eigentlich? Waren wir „zusammen“ – nur Freunde oder sogar verheiratet? Nun, ich für meinen Teil hatte das Gefühl, dass es in der Zeit unserer tatsächlichen oder nur vermeintlichen Beziehung, die jetzt aus meinem Gedächtnis verschwunden scheint, wohl zu keinen größeren Vorkommnissen – also Streitereien – gekommen ist … Behaupte ich einfach mal. Wie hätte es denn sonst sein können, dass sie mich vorhin einfach bei der Hand nahm … auf offener Straße, versteht sich.
Selbst jetzt noch fühlte ich ein immenses Erstaunen in mir. Nein: Ich konnte mit ihr nichts anfangen. Absolut nichts! So sehr ich auch in mich hineinhörte – für mich war sie eine Fremde. Bis dato wusste ich nicht einmal ihren Namen … Wenn ich es recht bedachte, selbst jetzt noch nicht. Da war lediglich das vage Gefühl, dass wir uns kannten – miteinander vertraut waren. So, wie man sich als Mann und Frau eben kennt.
Aber dann … Plötzlich fiel es mir ein. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte mich diese Erkenntnis: Ihre Hand – dieser Händedruck geradeeben. Den kannte ich doch … von IHR – von MEINER Frau! Aber was hatte diese Person hier an meiner Seite, die mich offensichtlich vereinnahmen wollte – weshalb auch immer –, mit IHR zu tun? SIE, die doch mein Leben bedeutet hatte, der ich doch einst ewige Treue geschworen hatte – bis … ja, bis …? Was war da vorgefallen? Nein, ich würde diese Unbekannte hier nicht darauf ansprechen – das wäre unhöflich –; ich musste von selbst darauf kommen.
„Komm, lass uns dorthin gehen, wo die anderen sind“, sagte sie mit einer Sicherheit und Selbstverständlichkeit, die mich allerhöchst erstaunte. „Nein“ zu sagen traute ich mich allerdings auch nicht … Fühlte mich hilflos. Konnte sie Gedanken lesen? Ihr Satz hatte in diesem Moment für mich doppelte Bedeutung. Dennoch hatte ich das Gefühl, innerlich ruhiger zu werden.
Und überhaupt – vielleicht sollte ich das Ganze leicht und locker nehmen; wie einen überraschenden, unangekündigten Sonntagsausflug mit einer Person, die ich – ich wiederhole mich – nicht wirklich kannte, sondern lediglich zu kennen glaubte.
„Wir sind da!“ Ihre Stimme klang freudig überrascht. Na ja, dachte ich bei mir, wir hatten das Spektakel schließlich schon von weitem gesehen beziehungsweise gehört und schon allein deshalb vermuten können, dass wir nur wenige Minuten bis dorthin brauchen würden.
„Oh, tatsächlich!“. Ich lächelte … Eher ein misslungenes, schiefes Grinsen. Unaufrichtig. Spielte, wohl um sie zufriedenzustellen, ganz bewusst den Unbeholfenen; so à la ‘Hätte ich auch schon längst merken müssen‘ oder ‚mein Gott, wo waren denn bloß meine Gedanken‘ – oder so ähnlich.
Ich bräuchte jetzt jemanden, der mich ins Ohrläppchen kneift … mich aus diesem Albtraum befreit! Ganz fest – um endlich zu wissen, ob ich das alles hier fantasiere oder … War das neben mir tatsächlich meine Frau? Es sah ganz danach aus … Dennoch – meine Verunsicherung wuchs mit jedem Schritt. Irgendwann, so hoffte ich, würde sich dieser seltsame Zustand in Wohlgefallen auflösen … Wahrscheinlich hatte ich einen Aussetzer. In meinem Alter durfte das schon mal vorkommen.
„Sind Sie das Ende der Schlange?“
fragte meine Begleiterin die schon etwas ältere Dame, die uns unvermittelt den Weg versperrte und dabei freundlich anlächelte. „Nein“, sagte sie, „ich bin Ihre Betreuerin für diese Reise; oder, wenn Sie es moderner mögen, Ihr Coach. Einen solchen erhalten jedoch nur wenige … sehr wenige. Ausnahmslos solche, die schon lange gewartet haben – für die es an der Zeit ist, abgeholt zu werden … Auf die andere Seite.“ Insbesondere ihre letzten Worte klangen rätselhaft in meinen Ohren; auch bedachte sie dabei meine Begleiterin mit einem äußerst kühlen Blick, was mich verwunderte.
„Und wie lange betreuen Sie so im Durchschnitt eine solche Person?“ Ihre Freundlichkeit ermutigte mich, ihr nun meinerseits Fragen zu stellen. Außerdem nahm ich an, dass sie dafür bezahlt wurde und uns der Ausflug hier sicher auch eine ganze Stange Geld kosten würde. Meine Begleiterin drückte mir zustimmend die Hand.
„Sind Sie sicher, dass Sie das wissen wollen?“, fragten die grauen Augen.
„Übrigens gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Begleiterin. Sie ist wirklich entzückend. Ich nehme mal an, sie hat Sie ausgesucht. Lassen Sie mich raten: Auf der Straße? Ganz spontan – nicht wahr?“
Ich stutzte. Woher konnte sie davon wissen?
Mein Gegenüber ließ sich von den Fragezeichen auf meinem Gesicht nicht beirren, sondern fuhr ungerührt fort.
„… Obwohl ich ein solches Vorgehen persönlich nicht befürworte; doch sind die Regeln hierfür unglücklicherweise nicht vollständig ausformuliert. Vielleicht liegt es aber auch am Altersunterschied oder an den Generationen. In der Praxis jedenfalls funktioniert es erstaunlich gut.“
Regeln … Was für Regeln und von wem? Ich verstand gar nichts mehr.
Sie nickte uns zu. „Übrigens, ich heiße Gerte. Doch um auf Ihre Ausgangsfrage zurückzukommen: Eine kleine Ewigkeit … also, dass ich Leute wie Sie betreue.“ Als sie dies sagte, hatte ich das Gefühl, dass ihre Augen einen Hauch dunkler wurden … undurchsichtiger.
Ich stutzte erneut. Das Wort von der Ewigkeit schien hier Konjunktur zu haben. „Heißt das, Sie empfinden die Stunden mit Ihren Schutzbefohlenen eigentlich als vergeudete Zeit? Das wäre aber kein so nettes Kompliment für Ihre Klientel“, erlaubte ich mir zu bemerken; wobei ich meiner Stimme einen bewusst heiteren Klang gab … Ich wollte unseren Coach schließlich nicht beleidigen.
Das Grauauge lächelte erneut. „Es gibt Ausnahmen, junger Mann. Aber jetzt kommen Sie. Ich werde Sie führen.“
„Von Anfang bis Ende?“, wandte ich ein. Mann, welcher Teufel hat mich denn da wieder geritten, dachte ich.
„Wenn es denn sein muss …“, klang es schon fast gelangweilt aus ihrem Mund. Dennoch … Da lag etwas Geheimnisvolles in ihrem Ton, das mich kurz schlucken ließ.das Ende der Schlange?“
Das letzte Puzzlestück
Die Schlange der Wartenden vor uns schien unendlich. Zu meiner Verwunderung lotste uns Gerte jedoch daran vorbei – mit einer Selbstverständlichkeit, die mich verblüffte. Noch mehr allerdings erstaunte mich, dass niemand in der Schlange aufmuckte – im Gegenteil: Sie wirkten auf mich regelrecht lethargisch.
Ich fühlte mich zunehmend unsicherer. Zum Glück wurde mir bewusst, dass ich wenigstens nicht allein unterwegs war. Ich fasste mir ein Herz und hakte meine Begleiterin unter – doch war dies wohl eher meinem gerade etwas labilen Zustand geschuldet denn aus Überzeugung. „Und …“, fragte ich sie leise, lächelte sie an … drückte zärtlich ihren Arm. Irgendwie müsste sie doch jetzt reagieren, wenigstens einen Kommentar abgeben – entweder über mich oder über diese reichlich abstruse Situation. Überhaupt fand ich es erstaunlich, dass sie sich gar nicht wunderte, dass wir uns bisher kein einziges Mal mit unseren Vornamen angesprochen hatten.
Außerdem … Eine Frau pickt doch normalerweise nicht mitten auf der Straße einen x-beliebigen Mann auf, der für sie ein völliges Neutrum ist … letzteres im sozialen Sinn, wohlgemerkt – nicht im biologischen.
Zu meiner Überraschung ergriff sie nun doch das Wort: „Folgen wir ihr einfach, lassen wir uns überraschen. Außerdem, vielleicht sind wir für sie und für all die Menschen hier tatsächlich etwas Besonderes …“
Ich sah mich um, versuchte die Blicke der Leute zu ergründen; suchte darin nach ihrem möglichen Motiv, uns anzustarren. Hierbei fiel mir auf, dass sie meine Begleiterin irgendwie mieden – auf beinah bedrohliche Art durch sie hindurchsahen, geradezu als ob sie nicht existierte.
„Möglicherweise sind wir ausersehen, bestimmte Dinge zweimal zu tun“, sagte sie plötzlich. Dabei schaute sie sich ängstlich um … Beinahe panisch.
Ich folgte ihrem Blick … Die Menschen, die spiralförmig einen ständig wachsenden Ring um dieses gewaltige Hafenbecken herum bildeten, waren näher gerückt.
„Wie in einem Gerichtssaal“, meinte sie. Diese Bemerkung verwirrte mich noch mehr. „Mich lässt es eher an den Circus Maximus mit seinen zigtausenden Besuchern denken“, murmelte ich.
„Vielleicht, Draco.“
Draco? Ich war verblüfft. War dies etwa mein Name? Ich wusste in diesem Augenblick nicht mehr, was ich denken sollte; fühlte mich plötzlich in einem fremden Körper. Nun hatte ich in den vergangenen Minuten nicht großartig über meinen Namen nachgedacht … Welcher normale Mensch tut das schon ohne Grund … Meine Eltern sollten mich also „Draco“ getauft haben?
„Was hast du? Du machst ein Gesicht wie ein Fragezeichen.“ Meine Begleiterin musste lachen … doch war es kein offenes, helles Lachen. „Immerhin passt dein Name gut zu meinem: Isolde – das bedeutet Liebe und Tragik in einem … und du, der wachende Drache darüber fügst sich als letztes Puzzlestück exakt ein.“
Letztes Puzzlestück …? Wovon? Herrje! Wo war mein Ariadnefaden? Ich kniff mir ins Ohrläppchen. Entsprach dies hier alles noch der Wirklichkeit?
„Glaub mir, Draco, es kommt immer darauf an, dass die Puzzlestücke zusammenpassen … Jetzt und in der Ewigkeit. Zeit spielt dabei keine Rolle. Ob wir wollen oder nicht – irgendwann gibt es die eine, endgültige Antwort. Doch wollen wir unser Publikum nicht über Gebühr warten lassen.“
„Wenn ich auch etwas dazu sagen darf“, meldete Gerte sich zu Wort. „Ihre Frau hat recht. Sämtliche Plätze sind belegt … Wir sollten diese Leute nicht länger auf die Folter spannen.“
Im selben Moment wechselte der bis dahin tiefblaue Himmel in einen tiefen Grauton – dieselbe Farbe wie Gertes Augen … Oder Isoldes? Diese Ähnlichkeit zwischen den beiden, dachte ich schockiert … Wie aus einer anderen Welt. Für einen Moment stockte mir der Atem.
Gerte wirkte jetzt zunehmend zögerlich, doch Isolde fasste uns beide an den Händen; zog uns ohne zu zögern bis zum Beckenrand. Zehn Meter tief, zwei Fingerbreit bis zum Abgrund.
„Go … go!“ brüllte die Menge. Wir rührten uns nicht. Isolde sah mir in die Augen. Sie wirkte entschlossen; Gerte hingegen schaute verunsichert. „Es wäre eigentlich an der Zeit … so war es mir befohlen worden.“
„Von wem?“ fragte ich. Gerte schwieg.
Mir schien, als ob eine unbestimmte Macht uns festhalten würde. Um uns sprangen die Menschen ins Hafenbecken … immer mehr, immer schneller! Zudem drückten die dahinter auch noch ständig nach. Mich schauderte, als ich sie winken und ihre Münder Worte formen sah wie „Komm, komm!“ Das Wasser verschwand unter den vielen Körpern; manche gingen unter, tauchten aber nicht wieder auf.
Isoldes Hand hielt die meine mittlerweile wie in einem Schraubstock fest – als wolle sie mich nie wieder loslassen … Wie besessen.
Die Mission
„Nein“ erklärte Gerte, „sie ertrinken nicht. Sie gehen nur woanders hin. Dorthin, wo ich auch schon mal gewesen bin … Auf die ‚andere Seite‘. Doch man hat mich zurückgeschickt – mit dem Auftrag, euch zu finden und nach Möglichkeit wieder zusammenzubringen.“
Ich spürte mein Herz plötzlich wie wild klopfen … Schaute zu Isolde.
Gerte riss mich aus meinen Gedanken: „Und noch eins darf ich Dir verraten, Draco, bevor ich euch verlasse; denn die Zeit drängt. Diese Menschen, die du hier zu sehen glaubst, sind in Wirklichkeit nurmehr Schatten … von etwas, das früher einmal existierte. So, wie diese ganze Welt fast nur noch eine Welt der Schatten ist, aus der gelegentlich welche heraustreten dürfen.“ Meine Zweifel angesichts des Gesagten standen mir wohl ins Gesicht geschrieben. Auch deshalb wohl fügte sie hinzu: „Deine Frau weiß, wovon ich rede … glaube ich.“
Ich sah zu Isolde, die noch immer eisern meine Hand hielt … Wollte sie etwas fragen, ließ es aber doch bleiben.
„Ihr seid auserwählt“, sagte Gerte schlicht. „Aber nur, wenn Ihr es wirklich wollt!“
„Was war passiert … dass es so weit gekommen ist – und dass ich mich nicht mehr erinnert habe?“, fragte ich leise.
Gerte antwortete: „Ihr standet schon einmal vor einem Abgrund wie diesem … Ihr hattet Streit – gewaltigen Streit … Ein Unglücksfall. Danach war alles anders. Du, Draco, bliebst in der Gegenwart – Isolde hingegen verweilte im Schatten.
Alles in mir zog sich zusammen. Auf der einen Seite die Sehnsucht – mein Herz pochte wie wild –, zum anderen Unsicherheit und die Angst, einen Fehler zu machen. Was tun? Es war alles so schnell, so überraschend über mich gekommen. Auf der einen Seite die Aussicht, einen viele Jahre anhaltenden Zustand für immer zu beenden; auf der anderen Seite ein rational denkender Mensch wie ich, der das, was sich gerade vor seinen Augen abspielte, erst einmal verdauen musste … Zeit brauchte.
Ich zögerte – fühlte plötzlich eine innere Distanz … Isolde wohl auch; zumindest ließ der Druck ihrer Hand nach.
„Nein … Nein. Nicht! … Zweifel töten!“ Isolde schrie es förmlich heraus. Sie schien meine Skepsis zu spüren, erkannte die drohenden Konsequenzen, die ihr das Herz zerrissen.
Ich schaute nach unten, sah, wie das Wasser durch die Menschen unter uns hindurchfloss und sie eins mit ihm wurden.
„Isolde!“ Ich war verzweifelt; versuchte, ihre Hand zu fassen – diese wunderbare, zarte Hand, deren fester Druck sich bis gerade eben noch wie ein riesiges Versprechen angefühlt hatte. Nein, ich konnte und wollte das alles nicht akzeptieren; zumal ich Gertes Worte als zweite Chance verstanden hatte.
Doch griff ich ins Leere … Da war niemand mehr – nur noch ein Schatten.
Ich stand wie erstarrt … Schaute ungläubig auf meine leeren Hände, dann zu Gerte hin. „Isolde ist doch nicht wirklich fort – oder?“
„Geh nach Hause, Draco.“
Na gut – sollte Gerte das letzte Wort behalten.