BEI ALLER LIEBE

Shortstory von Guido Sawatzki

Er blickte nach oben, legte den Kopf weit in den Nacken … 5. Stockwerk, das müsste noch zu schaffen sein. Eines der üblichen Bürgerhäuser eben. Dennoch ungewöhnlich, ein fünfstöckiges Wohngebäude in solch einem Kaff! Baujahr 1908 stand in klobigen Lettern in Stein gemeißelt über der hölzernen Haustür, die offenbar schon lange Zeit keinen Pinsel mehr gesehen hatte … nicht auszuschließen, dass auch der letzte Anstrich aus dem vorigen Jahrhundert war. Die verblasste, hellblaue Farbe hing jedenfalls in langen Fetzen herunter.

Immerhin gab es ein hochmodernes Zahlenschloss zur Eingabe einer PIN. Dafür klemmte die Tür; was für Gabriel kein großer Akt war – er drückte mit der Schulter einfach kräftig dagegen. Nein, Zweifel an seiner Person hatte Gabriel trotz seiner sechzig Jahre nicht – dafür war er viel zu vital. Gelegentliche Sportstudiobesuche, regelmäßiges Laufen im Park und Radfahren hielten ihn geschmeidig und fit … topfit. Schwäche zuzulassen war nicht sein Stil … nie gewesen – auch dies eine Lehre aus seiner Vergangenheit.

Weshalb zerbrach er sich eigentlich den Kopf wegen seiner Gesundheit … wo ihm doch gar nichts fehlte? Vermutlich war es der Leichenwagen, der direkt vor der Pension stand, in der er ein Zimmer mit Ausblick gebucht hatte. Der hatte ihn irgendwie zum Grübeln gebracht. Es war schon ein älteres Baujahr … heutzutage hatten die meisten hinten keine zweiflügeligen Türen mehr, sondern Heckklappen.

Im Treppenhaus kam Gabriel an einem hohen Wandspiegel vorbei – ein wirklich sehr alter Spiegel. Auch an ihm hatte die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Plötzlich blieb Gabriel stehen … als ob er gegen eine Wand gelaufen wäre. Zunächst redete er sich ein, dass er nur stoppte, weil er bereits ein paar Stockwerke erklommen hatte und jede weitere Stufe für einen Mann seines Alters womöglich eine enorme Mühsal bedeutete. Das aber konnte doch nicht sein. Sicherheitshalber schob er den Ärmel seines T-Shirts ein Stück weit nach oben und maß seinen Puls … alles ganz normal. Dann aber ging sein Blick zum Spiegel. Gabriel fing an zu grübeln, drückte das Kreuz durch, warf den Kopf in den Nacken … Bin das ich? fragte er in den Spiegel hinein. Sechzig Jahre … und noch immer auf der Flucht – vor mir selbst? Fortwährend unterwegs – und dennoch Stillstand.

In letzter Zeit hatte Gabriel immer öfter das Gefühl, dass sich sein Leben im Kreis drehte. Und das Seltsamste daran – vielleicht auch die Erklärung dafür, dass er gerade so abrupt anhalten musste –, der Anblick des Leichenwagens gerade eben gab ihm irgendwie das Gefühl, angekommen zu sein.

***

Wie das alles angefangen hatte und weshalb sein Leben so und nicht anders verlaufen war, darüber wollte Gabriel gar nicht großartig nachdenken. Und wenn die Gedanken allzu sehr auf ihn einstürmten, dann beamte er sich lieber weit weg, stellte sich eine bunte Blumenwiese vor, mit summenden Bienen und tanzenden Schmetterlingen … bis ihn die Realität wieder einholte. So, wie jetzt, als er sich auf die unterste Stufe der alten Steintreppe gesetzt hatte … ganz gemächlich. Der Stein fühlte sich kalt an, aber trotzdem angenehm – angesichts der hochsommerlichen Temperaturen von über dreißig Grad.

Dennoch waren ihm Holztreppen lieber. Denn solche aus Stein, also wie diese hier, erinnerten ihn an Grabsteine … also eher ein Hinabsteigen als ein Aufstieg.

***

Gabriel hielt sich an den Leitspruch: Der Weg ist das Ziel … eine Art Treibanker, den das Gehirn setzt, wenn das Leben allzu hektisch verläuft und am Ende außer Kontrolle gerät. Irgendwann, sagte er sich, kommt jeder zur Ruhe – am besten durch eigene Einsicht … in die Notwendigkeit. Also, dass das, was in seinem Leben passiert war, er ohnehin nicht hätte ändern können – selbst dann, wenn er gewollt hätte oder es in seiner Macht gestanden hätte. Dennoch: einfach „Ja“ sagen zu dem, was gewesen war … was er zugelassen hatte in seinem Leben, wovor er die Augen verschlossen hatte – wo er versagt hatte? Gar nicht so einfach.

Wie war noch das Kennzeichen des Leichenwagens gewesen? Er hatte es sich doch merken wollen. Auf jeden Fall war es ein Kennzeichen aus dem Ausland. Hm … seine Konzentration ließ wohl langsam zu wünschen übrig. Früher wäre ihm das nicht passiert.

***

Gabriel stellte in letzter Zeit verstärkt an sich fest, dass gewisse Dinge für ihn an Wert verloren – selbst sein Interesse an menschlichen Begegnungen ließ nach.

Dass er vor ein paar Monaten eine Psychotherapeutin aufgesucht hatte, sah er im Nachhinein als Wink des Schicksals. Sie hatte ihm zu Beginn einer Sitzung eine Idee unterbreitet, die ihn zunächst total verblüffte.

„Kinder sind ursprünglich, sie sind unverfälscht – und sie haben vor allem keine Vorurteile“, hatte sie ihm erklärt. Letzteres hatte Gabriel eingesehen und ihr nachgegeben … entgegen seinen Vorurteilen – auch gegenüber der Therapeutin. Die hatte er eigentlich nur deshalb konsultiert, weil er sich mal wieder mit jemandem unterhalten wollte … vernünftig reden wollte. Mehr nicht! Denn in seinem Innersten hatten Fremde, wie er fand, überhaupt nichts verloren.

Doch vielleicht hatte die Therapeutin mit ihrem Vorschlag genau das erkannt, was Gabriel guttun könnte. Er habe ein scheues Wesen, hatte sie gemeint – und Kinder könnten da sehr hilfreich sein. Auch fand er es ausgesprochen nett von ihr, dass sie da so unerwartet einen passenden Kinderhort aus dem Hut gezaubert hatte.

Das unbestimmte Gefühl, dass dies nicht der wahre und einzige Grund war, weswegen ihm die Therapeutin gerade diese Adresse genannt hatte, währte nur kurz … sollte erst sehr viel später einen Sinn bekommen.

Die Frau, die ihm bei seinem Antrittsbesuch im Kinderhort öffnete, hatte ihn prüfend angesehen … war sichtlich irritiert von seinem Anblick; hatte wohl im ersten Moment gedacht, ‚Was will so einer denn bei uns?‘ Die Hand, die er ihr entgegenhielt, hatte sie ignoriert. Möglicherweise hatte sie jemanden mit Schlips und Kragen erwartet und war jetzt enttäuscht, dachte er einen Moment lang. Nun, für seine Stippvisite hatte sich Gabriel salopp gekleidet und absichtlich ein enganliegendes T-Shirt gewählt. Das ließ seine ohnehin ansehnlichen Muskelpakete noch deutlicher hervortreten … Außerdem stand in bunten Lettern „Freedom“ auf der Vorderseite.

„Kinder stehen auf sowas“, hatte er in etwas widerspenstigem Ton angemerkt, als er sah, dass sie kritisch eine Augenbraue hob. Ein Blick in ihre Augen jedoch verriet ihm, dass auch Anna insgeheim darauf stand … Ihren Vornamen hatte Gabriel dem Namensschild an ihrem Kleid entnommen.

Anna war zierlich, hatte dunkle, melancholisch blickende Augen, was im Kontrast zum harten Klang ihrer Stimme stand. Das hatte er schon bei vielen Slowakinnen beobachtet, mit denen er hier, in Grenznähe, in Kontakt gekommen war. Aber allein die Art, wie sie sich bewegte, als sie vor ihm den schmalen Flur hin zu ihrem Büro ging, vermittelte Gabriel etwas anderes … etwas völlig anderes. Da war sie Frau.

Reichlich nüchtern, war sein erster Gedanke, als sie ihn in ihr spartanisch eingerichtetes Büro bat. Im Vorbeigehen streifte ihn der Hauch eines sowohl diskreten, aber auch eindringlichen Parfums – ein Duft, durchaus geeignet, Erwartungen zu wecken. Gleichzeitig aber hatte Gabriel das Gefühl, dass eher Zurückhaltung angesagt war … für ihn als Mann eine eher verwirrende Angelegenheit.

In einer Ecke des Raums stand ein kleiner, offenbar nur selten benutzter Schreibtisch. Darauf ein großes, gerahmtes Bild. Gabriel achtete auf solche Kleinigkeiten; er wusste, manchmal hing ein Leben davon ab. Das Foto zeigte eine riesige Kinderschar; die Erzieherinnen hielten sich im Hintergrund. Also keines der üblichen Familienfotos, die oft auf solchen Schreibtischen herumstehen und in aller Regel nur Staub ansetzen. Gabriel fand das sympathisch.

„Oh …“, war ihre erste Reaktion, nachdem sie das von ihm mitgebrachte Vorlesebuch aufmerksam durchgeblättert hatte. „Es sind Geschichten, mit denen bereits meine Urgroßmutter ihre Tochter glücklich gemacht hat“, erzählte Gabriel mit leuchtenden Augen.

„Geben Sie uns etwas Zeit – ich möchte das nicht allein entscheiden. Darf ich das Buch bis morgen behalten? Ich werde es wie mein eigenes behandeln … versprochen. Ich melde mich. Einverstanden?“ Beim Abschied reichte sie ihm diesmal die Hand. Immerhin, dachte er bei sich.

Schon früh am nächsten Morgen riss ihn ihr Anruf aus dem Schlaf. „Anna Svoboda hier. Eine meiner Mitarbeiterinnen hat sich krankgemeldet und mir fehlt es schlicht an Personal. Ich weiß, es ist reichlich kurzfristig … doch es ist ein Notfall – und da muss ich eben auch zu etwas unkonventionellen Mitteln greifen. Wenn Sie vielleicht bereit wären, in die Bresche zu springen und den Kindern etwas aus Ihrem schönen Buch vorlesen würden? Ich habe es übrigens fast bis zum Ende gelesen. Die Geschichten haben mich – ich kann es nicht anders ausdrücken – wirklich berührt … Und? Kann ich mit Ihnen rechnen? Kommen Sie?“

So, wie diese Sätze aus ihr heraussprudelten, ließ sie ihm gar keine Chance, lange zu überlegen oder gar Einwände zu erheben – wobei er das auch gar nicht vorgehabt hätte.

Das war nun schon über eine Woche her – und er war seitdem jeden Tag dort gewesen. Bereits bei seinem zweiten Leseauftritt hatte die Erzieherin ihn mit dem Satz „Erzengel Gabriel kommt“ vor der Kindergruppe fröhlich willkommen geheißen. Ja, diese Kinder waren wie die Schmetterlinge von jener Blumenwiese aus seiner Fantasie. Beim ersten Mal war es noch ungewohnt für ihn gewesen, das Zusammensein mit den Kleinen.

Hierher zu kommen war jedenfalls ein kluger Rat der Psychotante gewesen; schon beim ersten Besuch hatte er gespürt, dass dieser Ort, die Kinder, genau das Richtige für ihn waren. Ein bisschen lag das vielleicht auch an Anna. Sie strahlte für ihn etwas Besonderes aus, was er allerdings nicht sofort benennen konnte. Jedenfalls eine Mischung aus dem, was ihm fehlte, was er begehrte – und überhaupt, was er glaubte, zu brauchen, um glücklich zu sein. Und die Kinder hatten ihn schon nach wenigen Minuten in ihr Herz geschlossen. Das spürte er.

Natürlich lag das vor allem an den Geschichten, die er vorlas … und er gab sich große Mühe dabei. Selbst Anna, die beim ersten Mal zuhörte, war beeindruckt. „Sie sind ein wirklich großartiger Märchenonkel“, meinte sie zum Abschied. „Ist das auch in Ihrem wahren Leben so?“, fragte sie mit einem hintergründigen Schmunzeln.

Gabriel zögerte mit der Antwort … ließ sich lediglich auf ein „Vielleicht?“ ein. Er vereinbarte mit ihr, den Rest der auszuhelfen und danach zweimal wöchentlich zu kommen. Aus diesem Grund hatte Gabriel sein Zimmer gleich bis zum Monatsende verlängert. Sein Obolus im Kindergarten war zwar nicht überwältigend, aber er war auch nicht unbedingt auf eine Bezahlung angewiesen, da er von seinem aktiven Dienst in der Fremdenlegion noch einiges auf der hohen Kante hatte.

Seit er Anna mal nebenbei erzählt hatte, früher auch in ihrem Heimatland tätig gewesen zu sein, schien ihr Verhältnis enger zu werden. Kurz danach überraschte sie ihn mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen, nachdem er den Kindern erneut vorgelesen hatte.

Die Vergangenheit klopft an

Bei seinem letzten Auftrag – das war erst ein paar Jahre her – hatte Gabriel slowakische Kollaborateure ausfindig machen sollen, Männer, die im Zweiten Weltkrieg bis zum bitteren Ende auf der Seite der deutschen Besatzer gekämpft hatten. Einige lebten tatsächlich noch, als er den Auftrag erhielt. Aber auch deren Nachkommen waren für Gabriel und sein Team von Bedeutung – vor allem dann, wenn sie noch Unterlagen und Beweisstücke aus jener Zeit besaßen. Das erforderte gelegentlich heikle Recherchen, die manchem überaus lästig waren – insbesondere, wenn der betreffende Nachkomme eine wichtige öffentliche Funktion innehatte. Da konnte eine zwielichtige Vergangenheit schon mal hinderlich für die Karriere sein. Freunde hatte sich Gabriel damit jedenfalls keine gemacht.

Auch sein zeitweiliger Rang als Oberkommandierender der Legion hatte ihm eher Neider eingebracht, als dass er ihm genützt hätte. Bis zuletzt hatte Gabriel seinen Beruf mit Leib und Seele ausgeübt; irgendwann jedoch war für ihn die Grenze dessen erreicht, was er mit seinem Gewissen vereinbaren konnte – was vor allem mit seinem letzten Auftrag zusammenhing. Den hatte er erfolgreich abgeschlossen; hatte einen über Neunzigjährigen aufgespürt, der während seiner aktiven Zeit in der slowakischen Armee von Deutschlands Gnaden erheblichen „Dreck am Stecken“ angesammelt hatte. Gabriel erwirkte dessen Festnahme. Kurz darauf wurde er dann tatsächlich, ungeachtet seines hohen Alters, seiner gerechten Strafe zugeführt. „Kollár“ war sein Familienname gewesen. Er lebte danach nicht mehr lange, wie Gabriel erfahren hatte.

Wäre es nach Gabriel gegangen, dann hätte das Leben dieses alten Mannes nicht in einem österreichischen Gefängnis geendet, behaftet mit einem Makel, den er sich selbst nie eingestehen konnte. Auch war Kollár nicht eines natürlichen Todes gestorben – er hatte Selbstmord begangen. Das hatte Gabriel äußerst betroffen gemacht und ihn letztendlich an dem Sinn seiner Tätigkeit zweifeln lassen. Sein Ausscheiden aus dem Dienst war für ihn deshalb nur konsequent gewesen.

Und jetzt war er ausgerechnet in dem Ort gestrandet, in dem Kollár zuletzt gelebt hatte. Wolfsthal, eine kleine österreichische Gemeinde, gerade mal einen Kilometer von der slowakischen Grenze und nur wenig mehr von der slowakischen Hauptstadt Bratislava entfernt. Kollár war nach dem Krieg nach Wolfsthal geflüchtet und hatte einen neuen Namen angenommen. Er hatte alle Bindungen zur slowakischen Heimat abgebrochen, neu geheiratet und Kinder bekommen. Das waren Gabriels letzte Informationen gewesen.

***

„Ihr Kuchen war wirklich sehr, sehr lecker. Dankeschön.“ Zu Gabriels Erstaunen errötete Anna. „Kompliment! Ihrem Mann kann man wirklich gratulieren … Sie können außergewöhnlich gut backen!“

„Ich bin nicht verheiratet … nicht mehr.“ Anna sah Gabriel offen an. „Der Ring an meinem Finger stammt von meiner Mutter. Nachdem ich mich von meinem Mann getrennt hatte – er trank mir zu viel –, fühlte ich mich ohne Ring allein. Nun, der Ehering meiner Mutter passte – und er gab mir das Gefühl, dass ich es auch alleine schaffen könnte. Mein Job beim Staat war anstrengend genug …“ Anna stockte, biss sich auf die Unterlippe. „Aber behalten Sie das bitte für sich; das mit dem Staat.“

„Aber es ist doch nichts Schlimmes dabei, in einem staatlichen Kindergarten zu arbeiten“, meinte Gabriel.

Anna presste den Mund zusammen. Es dauerte einen Moment, bevor sie antwortete. „Es ist ein wenig verworren … Ich meine nicht diesen Staat. Ich meine einen anderen – die Slowakei.“

„Ich weiß, es geht mich eigentlich nichts an, Anna. Aber … Sie leben hier in Österreich, arbeiten jedoch für den slowakischen Staat. Richtig? Entschuldigen Sie, ich merke, Sie möchten nicht darüber reden …“

Aus einer impulsiven Regung heraus ergriff Anna seine Hand. „Ich habe bisher noch nie mit jemandem darüber gesprochen … über meine Familie. Vielleicht wäre es an der Zeit. Ich denke, Sie haben recht. Aber lassen Sie uns jetzt über etwas Schönes reden.“ Sie schmunzelte leicht.

„Oh – ich hatte schon fast angenommen, Sie können gar nicht lachen.“ Gabriel bemerkte zu seinem Erstaunen, dass sie seine Hand immer noch festhielt. „Ich selbst bin nie verheiratet gewesen, mein Beruf hätte eine zu große Belastung für eine Familie bedeutet … Auch ich war beim Staat … Aber richtig – lassen wir das. Für uns spielt es keine Rolle mehr.“

Als Gabriel an diesem Nachmittag „nach Hause“ kam – ja, so sehr hatte er sich mittlerweile an sein Hotelzimmer gewöhnt –, kamen ihm die fünf Stockwerke fast wie ein einziges vor. Er fühlte sich derart euphorisch, dass er die Stufen geradezu leichtfüßig hinaufsprang. Nicht einmal dem Leichenwagen vor der Tür schenkte er diesmal Beachtung. Er hatte das sichere Gefühl, dass das Leben für ihn doch noch die eine oder andere Überraschung bereithielt.

***

Auch freute er sich schon auf seinen nächsten Kindergarteneinsatz. Der jedoch ließ seltsamerweise auf sich warten. Eine Vertreterin von Anna rief ihn an und teilte ihm mit, dass ihre Chefin die nächsten Wochen auswärts zu tun habe und dass auch die erkrankte Kollegin inzwischen zurückgekehrt sei. Man werde ihn jedoch gerne anrufen, wenn man Bedarf habe.

Gabriel war im ersten Moment ziemlich perplex. Wusste nichts Vernünftiges mehr mit sich anzufangen … Die Tage – so sinnlos! Er ging nicht mehr vor die Tür, ließ sich Fast Food in seine Bleibe liefern, nicht einmal die Handtücher oder gar die Bettwäsche wären bei ihm gewechselt worden, wenn das nicht im Zimmerpreis enthalten gewesen wäre. Nein – das Leben schien ihm nicht mehr lebenswert.

Nach zwei Wochen dachte er: Verdammt, keine Frau ist es wert, dass ein Mann ihretwegen so leidet. Denn ja, er hatte sich in diese Frau, in Anna, verliebt. Unsterblich verliebt! Gabriel versuchte, seine Enttäuschung mit Alkohol hinunterzuspülen. Dann jedoch kam der Morgen, an dem er nach einer weiteren durchzechten Nacht einen Zettel auf dem Tischchen neben seinem Bett fand.

Nanu? Hatte er etwa die Zimmertür offengelassen? Gabriel war sofort hellwach; sprang aus dem Bett … Nein, alles war wie sonst. Was er dann allerdings auf dem Zettel zu lesen bekam, traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Gabriel saß mit offenem Mund da; seine Hand, die den Zettel hielt, begann zu zittern … er sackte zusammen, ließ den Kopf auf die Brust fallen.

Er suchte hastig seine Sachen zusammen, die er im Rausch willkürlich in die Gegend geschleudert hatte, zog sich notdürftig an, stolperte mit dem zerknüllten Zettel in der Faust die steilen Stufen das Treppenhaus hinab … riss die schäbige Haustüre auf.

Niemand zu sehen. Nun, kein Wunder, dachte Gabriel. Es war schließlich erst fünf Uhr am Morgen. Aber … Gabriel zog den zerknüllten Zettel auseinander … Nanu? Da stand ja noch etwas …

In seiner Aufregung hatte er gar nicht mitbekommen, dass der Zettel auf zwei Seiten beschrieben war. Er hatte lediglich die Seite mit „Ich warte unten auf dich. Komm rasch! Anna.“ gelesen.

Und wieder stand Gabriel wie erstarrt da. Normalerweise hätte ihn die frühmorgendliche Kälte erzittern lassen müssen – doch spürte er sie nicht. Seine Lippen formten jedes einzelne Wort nach … er las jeden einzelnen Buchstaben. „Ich hatte ‚Svoboda‘ als meinen Familiennamen angegeben … doch das war nur der neue Name meines Vaters, nachdem er damals über die Grenze geflüchtet war. Sein richtiger Name war Kollár. Ja, das war der Mann, den du damals aus seiner Existenz gerissen hattest; aus seinem neuen Leben, das er begonnen hatte – ein Leben, in dem auch ich irgendwann auftauchte.

Ich weiß, du hattest nur deine Pflicht getan, als du ihn jagtest. Deshalb wirst du mich verstehen … dass auch ich nun meine Pflicht tun muss. Schließlich bin auch ich beim Staat, wie du weißt. Dass ich im Kindergarten arbeite, ist nur Tarnung. Deine sogenannte Psychotante, der du dich anvertraut hattest – übrigens ebenfalls eine Slowakin –, hat sich damals mit mir in Verbindung gesetzt … Den Rest kennst du ja.“

Die Buchstaben begannen, vor Gabriels Augen zu tanzen; seine Hand sank nach unten. Er las noch den letzten Satz: „Ich hätte dir niemals verzeihen können … bei aller Liebe.“

Neben ihm klappten die zweiflügeligen Türen des altmodischen Leichenwagens auf. Darin ein Sarg … Ein Mann in Uniform hockte daneben. Mit der einen Hand hielt er etwas unter einer Decke verborgen. Die Umrisse deuteten auf eine Waffe hin.

Das slowakische Kennzeichen des Wagens fiel Gabriel erst jetzt auf.

„Ich habe Sie erwartet …“ war das letzte, was er noch mitbekam.