Shortstory von Guido Sawatzki
„Hörst du mir eigentlich zu?“ Heinz verzog ärgerlich das Gesicht.
Elena reagierte nicht. Bin ich etwa seine Putzfrau? Und überhaupt … Er benimmt sich, als wäre ich seine Sklavin!
Wenn die einen oder anderen Freunde aus Studienzeiten ab und zu bei ihr „abhingen“, nannte Heinz sie vor den anderen gerne sein „Mädchen für alles“; meinte gönnerhaft, dass sie in seinem Haus lediglich Gast sei, wobei er immer dieses furchtbar schäbige Grinsen aufsetzte. Schon allein der Ton, in dem er dies sagte, würde manche Frau dazu bringen, ihm kaltlächelnd ein Messer zwischen die Rippen zu stoßen, dachte Elena manchmal. Doch behielt sie solche Gedanken lieber bei sich … knallte stattdessen nur die Tür hinter sich zu.
‚Aber warum rege ich mich denn auf?‘, versuchte sie sich dann zu beschwichtigen. Viel Zeit blieb dem Fleischberg ohnehin nicht mehr, seine Boshaftigkeiten loszuwerden … Außerdem war sie nicht mit ihm verheiratet.
***
In letzter Zeit ging Elena immer öfter dazu über, sich demonstrativ abzuwenden, sobald ihr Bruder den Mund aufmachte. Sie tippte dann einfach auf ihre Ohren, um anzudeuten, dass sie ihn nicht hören könne, weil sie gerade mal wieder Ohrstöpsel trug.
Derartige Momente kostete sie mit einer gewissen Genugtuung aus, wusste sie doch, wie sehr sie Heinz damit provozierte. Dieser regte sich dann immer fürchterlich auf; obwohl er doch ihren, seinem Empfinden nach unsäglichen und deshalb schier unerträglichen Musikgeschmack kannte.
„Du solltest mir dankbar sein, dass ich dich nicht mit meiner Musik zu Tode malträtiere!“, war jedes Mal ihre Antwort. Insgeheim lachte sie sich ins Fäustchen – in Wahrheit hatte sie die Musik, die sie gelegentlich ganz gerne hörte, meistens ausgeschaltet … Sie wollte einfach nur ihre Ruhe – fast hätte sie ihm wieder ein Wort an den Kopf geworfen, das er über die Maßen hasste: „Fettkloß!“. Aber ein solcher Mops war er nun mal.
Eine Zeitlang hatte Elena gehofft, ihr Einfluss würde ihren Bruder dazu bewegen, mehr für seine körperliche Fitness zu tun – doch mittlerweile schob er nur noch schlurfend und keuchend seinen Rollator durch die Wohnung. Alles darüber hinaus waren Wunschträume. Überhaupt hatte er sich in den letzten Jahren mit Leibeskräften erfolgreich bemüht, zu dem zu werden, der er jetzt nun mal war. Warum? Eine Antwort darauf kannte sie nicht.
***
Elena hatte nie ein enges Verhältnis zu ihrem älteren Bruder gehabt. Fünf Jahre war es bestimmt her, dass sie nichts von ihm gehört hatte. Als dann im vorigen Jahr, kurz vor Weihnachten, sein Anruf kam, vermutete sie sofort, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten war.
„Na – hat dir deine Freundin den Laufpass gegeben? Oder was verschafft mir die Ehre deines Anrufs?“ Es war flapsig gemeint, aber ihrem Bruder war wohl jeglicher Humor abhandengekommen. „Behalte deine Gehässigkeiten für dich … Helena.“ Das kam in einem derart aggressiven Ton bei ihr an, dass sie am liebsten sofort aufgelegt hätte.
Dass er sie nicht bei ihrem richtigen Vornamen Elena nannte – die Kurzform von Helena – war bestimmt als Retourkutsche gedacht. Aber sie kannte ihn ja. Die Boshaftigkeit lag ihm in den Genen. Bei solchen Gelegenheiten erinnerte sie sich daran, wie er sie als kleiner Bub einmal in ihrem Kinderwagen auf die Fahrbahn geschubst habe – so jedenfalls hatten es später die Eltern erzählt. Ein Lastwagen habe gerade noch bremsen können.
Inzwischen hatte sie sich eine eigene Erklärung zurechtgebastelt: Eifersucht! Solange Elena sich zurückerinnern konnte, hatte ihr Bruder es nie ertragen, wenn sie ihm vorgezogen worden war.
Nun, er hatte auch so Karriere gemacht … sogar in einem europaweit tätigen Autohaus. Dort war er bereits nach kurzer Zeit zu einem der führenden Manager aufgestiegen.
Aber manchmal fragte Elena sich, was aus ihm hätte werden können, wenn auch er das Abi hätte machen dürfen … oder ihm die Eltern gar ein Studium ermöglicht hätten – so, wie sie es bei Elena getan hatten? Doch stattdessen hatten sie ihn in eine Lehre abgeschoben. Gewohnt, seinen Eltern zu gehorchen, tat er, was sie verlangten – er schloss die Lehre sogar mit Bravour ab.
„Da siehst du’s, Heinz. Wir haben es dir gleich gesagt, dass deine Stärken im Kaufmännischen liegen.“ Natürlich mussten sich da seine Eltern bestätigt fühlen. Ob er allerdings selber daran Freude hatte – danach hatte ihn niemand gefragt. Zunehmend Spaß jedoch hatte er beim Essen. Seine Fressattacken waren schon beinah legendär. Doch je mehr sich Eltern und seine Bekannten darüber aufregten, desto mehr aß er – bis zur ersten Therapie.
„Sie müssen sich endlich Ihrer Adipositas stellen“, hatte ihm seine Hausärztin immer wieder gepredigt. Auch führte sie ihm ständig das erhöhte Risiko für folgenschwere Erkrankungen vor Augen. Aber anstatt sein Verhalten – insbesondere seine Essgewohnheiten – umzustellen … Nichts. Im Gegenteil: er aß mehr denn je.
Nein, Elena war es irgendwann satt gewesen, seinen körperlichen – und noch dazu freiwilligen – Verfall mitanzusehen. Sie war zu ihm, ihrem Bruder, zu einem Zeitpunkt ins Haus gezogen, als sie noch eine Chance sah, ihn davon zu überzeugen, dass er sich professionelle Hilfe suchen musste. Klar war auch eine gehörige Portion Mitleid für Heinz mit dabei gewesen, dass sie ihren Job als Krankenschwester im Hospital aufgab und zu ihm zog. Doch dass sie dann derart enttäuscht sein würde … das hatte sie sich damals nicht in ihren kühnsten Träumen vorgestellt.
Nun, sie hatte sich rumkriegen lassen. Völlig von der Hand weisen ließ sich dabei nicht, dass ein ganz bestimmter Satz von ihm den Ausschlag gegeben hatte: „Du weißt, dass ich nie geheiratet habe und ohne Nachkommen bin – also mein gesamter Besitz inklusive Villa eines Tages dir gehören wird. Sei also nicht dumm und lass dir diesen Happen nicht entgehen.“ Seitdem hatte er ihr das immer wieder mal aufs Butterbrot geschmiert.
***
Je mehr Zeit verging, desto mehr haderte sie mit sich; stand öfter, als ihr lieb war, im Zwiespalt zwischen ihren moralischen Vorstellungen und ihren Vorstellungen und Wünschen ans Leben. Was wäre, wenn er eines Tages mausetot im Bett liegen würde? Dann könnte sie sich all ihre Träume erfüllen … Elena schalt sich jedes Mal sofort für ihre egoistischen Gedanken.
Zu allem Überfluss redete Heinz in letzter Zeit auffallend oft davon – vom Sterben … Das jedoch nicht direkt; vielmehr erfuhr sie es von anderen. „Jetzt gönn ihm doch noch die paar Jährchen – und strieze ihn nicht so … Du kommst schon noch früh genug an sein Geld“, wurde sie von seinen Freunden immer mal wieder angegangen – dies meistens so halb im Scherz. „Ich weiß nicht, was er Euch erzählt“, war wirklich das Einzige, was sie zu ihrer Verteidigung vorbringen konnte. Fast wäre sie deswegen einmal in Tränen ausgebrochen.
„Wie kommen eigentlich deine Freunde dazu, derartige Mutmaßungen anzustellen?“, sprach sie ihn einmal direkt auf das Thema an. Er wich wie üblich aus – „ach, lass die doch reden. Es sollte eigentlich genügen, dass wir beide wissen, was wir aneinander haben … Stimmt’s?“
Mit der Zeit musste Elena erkennen, dass die Arbeit bei ihrem Bruder auch Schattenseiten hatte – Schattenseiten, die sie zunehmend in Bedrängnis brachten. Denn wenn Heinz entsprechend in Stimmung war, dann lernte sie ihn als „Mann“ kennen. Kurz nachdem sie zu ihm gezogen war, hatte sie – in Schubladen versteckt – diverse Hochglanzmagazine mit halbnackten Mädchen in eindeutigen Posen entdeckt. Anfangs hatte sie sich wenig dabei gedacht – na … Männer halt. Doch das änderte sich.
Mehr und mehr wurde sein Verhalten ihr gegenüber von einer Mischung aus Gier und Zärtlichkeit bestimmt – er sah sie dann weniger als seine Schwester, vielmehr als Frau. Und das stieß sie zunehmend ab.
Mit der Zeit wusste sie, wann es wieder soweit war – seine Augen verrieten es.
Anfangs vermochte er sich noch zu beherrschen, doch irgendwann konnte er nicht mehr an sich halten – wurde übergriffig. Nicht etwa, dass er dann grob zu ihr war, nein, er stupste sie nur leicht an – das Zeichen, dass er „etwas“ von ihr wollte. Dann lag bereits morgens, wenn sie ihr Bad betrat, ein kleines Geschenk für sie bereit – stets an derselben Stelle. Beim ersten Mal war sie außer sich gewesen – auch weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass er einen Schlüssel zu ihrer Einliegerwohnung besaß. Zuerst wollte sie ihn deswegen zur Rede stellen. Aber dann siegte doch die Neugier. Als sie das kleine Schächtelchen öffnete, kam ein dünnes Kettchen mit einem Medaillon dran zum Vorschein. Das wiederum fand sie so entzückend, dass ihr Ärger dahinschmolz … Was sie allerdings nicht daran hinderte, ihm gehörig die Leviten zu lesen.
Das half jedoch nur bedingt. Bald scheute er sich nicht mehr, ganz offen und direkt vor ihren Augen in seinen Sexmagazinen zu blättern. Elena war total schockiert, erstarrte regelrecht … wusste anfangs nicht so recht, wie sie damit umgehen sollte.
Als sie dann aber die immer deutlicher werdende Ausbuchtung an seiner Hose bemerkte, hatte sie sich angewidert abgewandt und war gegangen. Dabei konnte sie es sich nicht verkneifen, ihm im Hinausgehen so etwas wie „Dickwanst“ oder „Werd‘ du erst mal deinen Ranzen los!“ zuzuwerfen.
Als er nicht damit aufhörte, wurde sie eindeutiger: „Soll ich dir eine bestellen?“, zischte sie ihn an. Er hatte sie nur wortlos angestarrt.
Ein paar Wochen später hatte er keinerlei Skrupel, in einer ähnlichen Situation seinen Trumpf auszuspielen – also, dass ihr eines Tages ohnehin alles gehören würde. „Wäre es nicht jammerschade um das schöne Geld? Willst du tatsächlich, dass ich es für irgendwelche Flittchen ausgebe? Zumal mit Sicherheit keine von denen so sexy Beinchen hat wie du, mein Täubchen.“
Normalerweise hätte Elena auf diese plumpe Anmache gar nicht reagiert. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon einiges getrunken – und mit jedem Glas war ihre Hemmschwelle weiter gesunken. Warum eigentlich nicht, dachte sie … Geld stinkt nicht, dann soll es so sein. „Okay“ lallte sie, wankte zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Dann löschte sie das Licht. Damit würde niemand von draußen etwas mitbekommen und, vor allem – sie müsste den Anblick ihres fettleibigen Bruders nicht ertragen, wenn dieser über sie herfiel.
„Kannst kommen … Hab‘ mich ausgezogen. Komplett“, sagte sie fast tonlos, als sie sich auf den flauschigen Teppich plumpsen ließ.
„Nein – Du bist wirklich nackt, mein Täubchen? Splitterfasernackt?“ Seine Stimme klang extrem dunkel; wie immer, wenn er sexuell erregt war.
„Hier bin ich!“, flüsterte sie.
Ein halbwegs sensibler Mensch würde am Klang ihrer Stimme erkennen, wie sehr sie das alles nervte. Schon wie er seinen Rollator beiseiteschob, sich schließlich mit viel Geraschel auszog und dann seine Sachen, pedantisch wie er war, ordentlich auf dem Rollator ablegte. Keuchend und prustend wie ein Walross kam er mit schwerfälligen Schritten näher, was in dem dunklen Zimmer für ihn sicher nicht ganz einfach war. Zum Glück musste sie ihm dabei nicht zusehen; vermutlich wäre sie dann komplett ausgerastet.
„Wie lange dauert das denn noch!“, drängte Elena ihren wollüstigen Bruder zur Eile. Sie konnte ihn schon riechen, die Erregung trieb ihm offenbar den Schweiß aus allen Poren. Wenn es nur schnell vorbei war; ihr wurde schon schlecht bei der Vorstellung, was er in wenigen Augenblicken mit ihr anstellen würde.
In seiner Gier ließ Heinz alle Vorsicht fahren, tapste unsicher in die Richtung, aus der Elenas Stimme kam. Ausgerechnet ihre langen „sexy Beinchen“, die er eben noch bewundert hatte, ließen ihn jetzt ins Straucheln geraten. Wäre sie nüchtern gewesen, dann hätte sie erkannt, dass Heinz jetzt möglicherweise ein Problem bekommen könnte; so aber verspürte sie keinerlei Lust, ihn zu warnen oder gar ihre Beine zurückzuziehen. Selbst als sie merkte, wie er vollends das Gleichgewicht verlor, blieb sie ungerührt liegen. Selber schuld, wenn einem der Verstand in die Hose rutscht, dachte Elena mit schadenfrohem Grinsen.
Heinz ruderte im Fallen verzweifelt mit den Armen durch die Luft … Er fand jedoch nirgendwo mehr Halt und knallte rückwärts mit dem Kopf auf die Kante des schweren Glastisches.
Elena schaffte es gerade noch, sich blitzschnell zur Seite zu rollen. Dass dieser nackte, schweißnasse Fleischkloß auf sie plumpsen würde – nein, das musste nun wirklich nicht sein.
Sie lauschte noch ein Weilchen in die Dunkelheit hinein … doch da war nichts mehr. Mucksmäuschenstill.
ENDLICH.