Shortstory von Guido Sawatzki
„Es war einmal …“. Nachdenklich legte Maria ihren Stift beiseite. Vor sich hatte sie eine Tasse Espresso stehen … extra stark. Daneben einen silberfarbenen Colt Commander Kal.45. Diese Waffe war zwar nicht mehr auf dem neuesten Stand der Waffentechnik – aber zur Abschreckung tat sie es immer noch. Sie hatte sich das Ding damals von dem Freund eines Freundes, der jemanden kannte … und so weiter … besorgt. Sie hätte sonst wahrscheinlich nie mehr einen Schritt allein vors Haus gewagt.
365 TAGE DAVOR
„Mama, Mama-a-a!“. Maria stand auf … die Pflicht rief.
„Na? Was möchte mein kleiner Liebling denn heute zum Frühstück?“
Voller Zärtlichkeit nahm Maria ihre goldlockige Tochter fest in beide Arme. Die saß schon seit ein paar Minuten auf ihrem Stuhl und klopfte ungeduldig mit ihren Beinchen gegen das Tischbein.
„Geröstete Eier, Mama!“ rief die Kleine übermütig aus.
„Aber Lena – das gibt es doch gar nicht … das haben wir auch noch nie auf dem Tisch gehabt. Wie kommst du denn darauf, mein Liebling?“.
„Ich will das aber haben, ich will, ich will“, krähte die Kleine ausgelassen und streckte dabei beide Arme in die Höhe.
„Aber es macht doch keinen Sinn, sich etwas zu wünschen, was es gar nicht gibt.“ Maria ging in die Küche und brachte ihr das Müsli, welches sie bereits liebevoll vorbereitet hatte: Joghurt mit viel frischen Beeren – und obendrauf einen klitzekleinen Zwerg aus Schokolade. Als Lena den sah, erhellte sich ihr Gesicht sofort wieder und sie strahlte ihre Mama an.
Maria setzte sich ihr gegenüber … betrachtete ihre fünfjährige Tochter aufmerksam, die mit ihrem Kinn gerade so über die Tischkante reichte. Trotzdem bestand diese darauf, ohne Unterstützung zu essen … gerade dass sie erlaubte, dass Maria ihr ein rutschfestes Tuch unter ihr Lieblingsschüsselchen mit den Marienkäfern schob.
Ganz ihr Vater, musste Maria denken. Ihr Herz verkrampfte sich dabei. Sie tat alles, um bei Lena nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, dass hier etwas fehlte … jemand fehlte – ihr Vater. Zwei Jahre war es jetzt her, dass sie ihn abgeholt hatten … direkt vom Frühstückstisch weg. Wie sich danach herausstellte, hatte sie ein Nachbar bei der Behörde angeschwärzt. Er hatte behauptet, dass sie stinkende Windeln offen in die Mülltonnen warfen, die auf dem dafür vorgesehenen Platz direkt unter seinem Balkon standen … und überhaupt würden sie die ganze Gegend verdrecken, wodurch sie schon etliche Ratten angelockt hätten. Das war natürlich frei erfunden, aber je öfter manche Leute etwas behaupteten, desto mehr glaubten ihnen andere – selbst dann, wenn es keinerlei Beweise dafür gab. Und wenn man dann auch noch anders aussah als die meisten anderen, war das Urteil oftmals rasch gefällt.
Der Nachbar hatte die kleine Familie von Anfang an nicht gemocht, hatte hinter ihnen her gegeifert, wenn die Kleine auf dem Weg nach draußen schon im Treppenhaus laut juchzte, weil sie wusste, dass es gleich auf den Spielplatz ging. Lenas größte Freude war es, wenn ihr Vater sie dort auf den Schoß nahm und mit ihr zusammen schaukelte.
Wehmütig musste Maria daran denken, was die junge Familie in den ersten Jahren hier doch für eine glückliche Zeit verbracht hatte – wenn da nicht dieser alte Mann gewesen wäre … Veteran aus dem Vietnamkrieg. „Beide Beine haben sie mir damals abgeschossen … die Schlitzaugen!“, brüllte er regelmäßig von seinem Balkon herunter, wenn ihm das Kindergeschrei auf dem nahegelegenen Spielplatz wieder einmal zu viel wurde.
Dafür, dass Jack, ihr Mann, leicht asiatische Gesichtszüge hatte, konnte dieser schließlich nichts. Seine Vorfahren waren schon vor mehreren Generationen aus Birma in die USA eingewandert. Man hatte sich etabliert, Kinder zur Welt gebracht … alles ganz normal. Dass Jahrzehnte später ein Präsident das Land regieren würde, der Fremdenhass schürte, das Zusammenleben mit Nachbarn zur Hölle machte, vor allem wenn diese sich überdies noch – aus welchem Grund auch immer – benachteiligt fühlten … an so etwas hatte früher niemand gedacht. Dieses große Land war für ihre Familie schon immer das Land der Zukunft gewesen, wo Träume für jeden wahr werden konnten, der sich anstrengte.
Und Jack hatte sich ins Zeug gelegt. Hatte Maschinenbauer gelernt, später aber seinem Vater zuliebe dessen kleinen Gemüseladen, den dieser sich aufgebaut hatte, übernommen und weitergeführt. In letzter Zeit hatte Jack bereits seine Fühler ausgestreckt, um sich mit weiteren Läden zusammenschließen und auf diese Weise expandieren zu können.
***
Dann jedoch kam die Schlägertruppe des Präsidenten. Sie rekrutierte sich aus den untersten Bevölkerungsschichten … vorwiegend Leuten, die in der Gesellschaft keine besondere Rolle spielten; überwiegend „underdogs“, Menschen mit geringem Selbstbewusstsein, die ihre vermeintliche Stärke aus der Befehlskette bezogen, der sie sich unterworfen hatten und die ihnen vollkommene Immunität gewährte. Ihre Legitimation waren die Uniform, die Schusswaffe der Schlagstock und das Tränengas. Viele von ihnen gingen in ihrer neuen Rolle derart auf, dass sie sich zu Herrschern über Leben und Tod emporschwangen. Wer ihnen erst einmal zwischen die Finger geriet, der hatte unter Umständen das letzte Mal den Himmel ohne Gitter gesehen. Besonders perfide daran war, dass nicht wenige von ihnen aus der Nachbarschaft ihrer späteren Opfer stammten.
Maskiert und mit Maschinenpistolen im Anschlag drangen sie zu viert gewaltsam in die kleine Wohnung ein … gerade, als die Familie am Frühstückstisch saß. Maria hatte sich geweigert, die Kette an der Tür zu entfernen und so traten die vier die Türe ein. So etwas machen doch nur Gangster, aber keine Vertreter des Gesetzes, dachte Maria noch und verlangte mit fester Stimme nach einer Legitimation. Als sie ihre Arme ausbreitete, um die Angreifer am Weitergehen zu hindern, sprühte einer von ihnen Pfefferspray in ihre Richtung, verfehlte ihre Augen dabei knapp. Er packte Maria am Arm, woraufhin sie ihn in die Hand biss. Mit einem heftigen Hieb gegen ihre Schläfe konnte er sie schließlich außer Gefecht setzen. Bevor ihr jedoch die Sinne schwanden, prägte sich ihr noch ein Detail ein: Ein außergewöhnlich geflochtenes Armband aus Leder.
Der Esstisch fiel im allgemeinen Handgemenge um; Marias kleine Tochter, die sich gerade, ehrgeizig wie sie war, wieder einmal den großen Esslöffel vom Teller ihres Vaters stibitzt hatte, schrie wie am Spieß, als sich der Inhalt ihres Marienkäferschüsselchens auf den Boden ergoss … direkt neben ihrem Vater. Währenddessen drückten ihn die Einsatzkräfte mit dem Gesicht nach unten gewaltsam in die Keramikscherben mit Lenas Brei und legten ihm Handschellen an. Wortlos nahmen sie ihn mit.
Noch Wochen danach wachte Maria von den Schreien ihrer Tochter auf. Einen Therapeuten, der Lena hätte helfen können, konnte sie sich nicht leisten. Zwar konnte ein Cousin von Jack den Laden übernehmen, aber aufgrund fehlender Erfahrung ging der Umsatz schon nach kurzer Zeit rapide zurück. Es dauerte lange, bis die Familie finanziell wieder auf einigermaßen sicheren Beinen stand. Marias Mann jedoch blieb trotz aller Nachforschungen verschwunden. Erst ein halbes Jahr später kam ein Lebenszeichen von ihm – aus Birma. Er war dorthin verschleppt worden. Doch was hatte er in diesem fremden Land verloren? Auch eine Menschenrechtsorganisation, an die Maria sich in ihrer Not gewandt hatte, wusste keinen Rat … und einen Anwalt konnte sie sich nicht leisten. Das wenige verfügbare Geld benötigte sie zum Lebensunterhalt und für die Erziehung ihrer kleinen Tochter. So konnte sie nur darauf hoffen, dass ihr ein Wunder Jack zurückbrachte.
Solche Schicksale gab es mittlerweile viele … Tausende … Abertausende. Maria und ihr Mann hatten das nur nicht wahrhaben wollen; die stille, aber eindringliche Botschaft im Text der Nationalhymne – „… Land der Freien … Heimat der Tapferen“ vor Augen hatten sie diesem Präsidenten vertraut; hatten geglaubt, dass man sie trotz allem schätzte. „Uns wird so etwas nicht passieren … ganz bestimmt nicht“, hatte ihr Mann immer wieder beteuert, als sie wieder einmal von einem solchen Fall gehört hatten.
In der Öffentlichkeit schwiegen sie vorsichtshalber … möglicherweise waren Denunzianten in der Nähe. Kaum einer vertraute noch dem anderen. Doch dann waren die Häscher auch zu ihnen gekommen … nach einem Hinweis ihres Nachbarn, dem Kriegsveteranen.
***
„Mama … was sind denn das für viele Autos da unten?“. Extrem neugierig auf alles, was sich in ihrer Umgebung tat, war Lena in Windeseile auf einen Stuhl geklettert.
„Aber Lena, mein Liebling … wie oft habe ich dir schon verboten, auf diesen Stuhl zu steigen … komm sofort herunter!“. Lena hatten jedoch die Geschehnisse auf der Straße derart in ihren Bann gezogen, dass Maria dagegen machtlos war. Ihr blieb tatsächlich nichts anderes übrig, als sich zu ihrer Tochter zu gesellen und gemeinsam mit ihr das Geschehen dort unten zu verfolgen. Direkt am Spielplatz parkten mehrere Limousinen – von der Art, wie sie in der Regel nur hochrangige Regierungsmitglieder benutzten, wie Maria aus dem Fernsehen wusste.
Was Maria jedoch erstaunte, war, dass sich unten nichts rührte – keine Wagentür öffnete sich, niemand stieg aus. Sie hatte allerdings schon gehört, dass dies wohl zum üblichen Prozedere gehörte … also, dass erstmal die Gegend auf mögliche sogenannte Gefährder hin abgeklopft wurde.
„Lena, komm … wir gehen nach unten spielen.“ Maria packte ihre Tochter ziemlich energisch am Arm.
„Aber ich habe doch noch gar nicht zu Ende gegessen …“, protestierte Lena und schaute sehnsüchtig hinüber zu ihrem Lieblingsmüsli.
„Wir sind doch gleich wieder da. Außerdem möchtest du doch bestimmt wissen, was dort unten los ist … oder, mein neugieriges Mäuschen?“. Jetzt musste Maria doch auch über sich selbst grinsen, denn sie bemerkte, dass auch sie selbst vor Neugier fast platzte.
„Na gut. Aber Yogi nehme ich mit!“. Das kleine, kuschelige Stofftier hatte Lena noch von ihrem Vater geschenkt bekommen. Sein letztes Geschenk, dachte Maria wehmütig. Außer Yogi steckte sie noch Lenas kleinen roten Ball mit den lustigen weißen Punkten in deren Stofftasche. Hand in Hand liefen sie die vier Stockwerke hinunter, so schnell sie ihre Füße trugen. Der Aufzug war seit Wochen kaputt – außerdem waren sie so ohnehin schneller.
Als sie unten ankamen, wimmelte es nur so von Polizisten und Vermummten. Einer der Polizisten, die neben Lena und ihrer Mutter vor deren Hauseingang warteten, beugte sich zu Lena herab. „Weißt du, Kleine, unser verehrter Präsident – du erkennst ihn an der roten Mütze – wird jetzt gleich die große Limousine, die du dort drüben stehen siehst, verlassen. Schon vor Wochen hat er diesen Spielplatz als repräsentatives Beispiel für seine Kampagne ausgewählt … ein Vorzeigeprojekt für dieses Land, in dem es künftig kein schwarzes Gesocks mehr geben soll – so heißt es. Aber du, meine junge Dame, scheinst mir auch nicht so ganz astrein zu sein – oder täusche ich mich da?“ Er musterte sie aufmerksam … zog ein Notizbuch heraus. „Wie heißt du denn?“.
Sofort zog Maria ihre Tochter am Arm zurück. Sie richtete sich zu voller Größe auf. „Das geht Sie gar nichts an!“.
Das war unmissverständlich. Offensichtlich nicht auf eine solche Gegenwehr gefasst und wohl auch nicht gewohnt, mit solch einer resolut auftretenden Frau umzugehen, verzog der Polizist lediglich sein Gesicht … sagte aber nichts dazu.
„Der Herr Präsident muss ja Eier haben, dass der sich in unser Viertel wagt“, schob Maria unerschrocken nach. Der Uniformierte sah sie von der Seite her an … suchte offensichtlich nach den richtigen Worten. „Und ob er die hat, junge Frau … so, wie ich“, meinte der Mann, der ihrer Schätzung nach in ihrem Alter sein musste. Marias Gesicht verfinsterte sich, als sie bemerkte, wie eindeutig er sie hierbei von oben nach unten mit seinen Blicken abtastete, dass sie sich schon fast nackt vorkam … nackt und hilflos. Dieses Gefühl der Ohnmacht ließ Maria zunehmend wütender werden … ihre Hände ballten sich zu Fäusten – sie musste sich regelrecht zur Ruhe zwingen.
Als sie den Polizisten etwas genauer betrachtete, hatte sie das plötzlich das Gefühl, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Woher … woher kenne ich dich bloß, überlegte Maria angestrengt.
„Bleib nur ja bei mir und halte Dich von diesen Männern fern, mein Mäuschen“, ermahnte Maria ihre Tochter. Eine solche Ermahnung war jedoch kaum nötig – seit dem Tag, als man ihr den Vater gewaltsam wegnahm, wurde Lena immer wieder von schlimmsten Albträumen heimgesucht. Die Erinnerung an das schreckliche Geschehen würde wohl niemals ganz verschwinden.
Angesichts des riesigen Polizeiaufgebots – vor allem die vermummten Beamten erregten Maria Argwohn sofort – machte sie sich schon Vorwürfe, ihre Wohnung überhaupt verlassen zu haben. Sie konnte Lenas Herzschlag direkt spüren – so eng drückte sie sich an ihre Mutter.
„Hey … Kleine!“. Verwundert schaute Maria auf. Waren sie damit etwa gemeint? Im selben Moment sah sie einen der Bundesbeamten aus der Gruppe heraustreten. In seiner Hand hielt er ein kleines Stofftier.
„Schau, Mama, er sieht aus wie mein Yogi … Vielleicht ist es sein Brüderchen!“ Lena war hin und weg. „Darf ich, Mama … darf ich hin? … Bitte, Mama, bitte!“.
Der Beamte, der bei der größten der vier Limousinen stand, hob jetzt die behandschuhte Faust mit dem Stofftier … winkte Lena zu. Offenbar erkannte er ihre Angst – vielleicht tat sie ihm sogar leid.
„Du kommst aber sofort zurück, ja? Versprich es!“. Maria hatte kaum ausgesprochen, da rannte Lena auch schon los. Sie strahlte dabei übers ganze Gesicht. Beim Laufen sprang ihr dummerweise der kleine Ball aus der Stofftasche und rollte auf den großen Wagen zu.
„Achtung! Eine Granate … eine Bombe!“ Die Gruppe der Sicherheitskräfte, die sich um die Limousine geschart hatte, stob wie ein Schwarm wütend gewordener Hornissen auseinander. Gleichzeitig stießen andere den großen Mann – offenbar der Präsident –, der gerade im Begriff war auszusteigen, unsanft in den Wagen zurück. Einer der Beamten schrie: „Gib Gas … gib Gas!“.
Der noch sehr junge Chauffeur war mit der Situation offensichtlich völlig überfordert, denn es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bevor er seine Erstarrung abschütteln konnte und reagierte.
Diese Verzögerung nutzten diejenigen, die seit langem schon auf eine solche Gelegenheit gewartet und sich schon Wochen vorher auf diesen Tag akribisch vorbereitet hatten. Ihr Ziel war der Präsident – richtiger gesagt: Seine Eliminierung. Ursprünglich hatte die Sache mitten auf dem Spielplatz ablaufen sollen … so aber griff Plan B – für den Fall, dass der Präsident, aus welchem Grund auch immer, vorzeitig aufbrechen musste.
So sehr sich der Chauffeur jetzt auch mühte und das Gaspedal malträtierte – es war zu spät.
***
Enttäuscht schaute Lena dem Auto nach. Sie lief ihrem Ball hinterher … holte ihn ein. Hob ihn auf.
Der Polizist, der sie zuvor noch hatte kontrollieren wollen, ging langsam auf Lena zu. In der Hand hielt er einen Revolver. Maria blieb fast das Herz stehen. In ihrer Angst, dass er etwas Unüberlegtes tun könnte, rannte Maria zu ihrer Tochter hin … drückte sie ganz fest. Dann ließ sie Lenas Ball ein paar Mal auf dem Boden aufspringen. „Es ist doch bloß ein Ball!“, rief sie und warf ihn dem Beamten zu.
„Aber … aber …“ stammelte dieser aufgeregt. Er öffnete den Mund, um etwas sagen – doch in diesem Moment erschütterte ein ohrenbetäubender Knall aus der Richtung, in die die Limousine gefahren war, die ganze Umgebung. Die folgende Druckwelle katapultierte die Präsidentenlimousine durch die Luft … Häuserwände stürzten ein.
„Ein Anschlag … ein Attentat!“. Stimmen schrien durcheinander.
Menschen rannten mit wirrem Gesichtsausdruck orientierungslos durch die Gegend … die Kleider teilweise in Fetzen. Nicht wenige von ihnen waren verletzt. Maria, die sofort ihre Tochter gepackt und sich mit ihr auf den Boden geworfen hatte, hielt ihren Leib schützend an den ihres Kindes gepresst.
Etwas schlug neben ihr auf den Boden.
Als sie sich umdrehte, sah sie nicht weit von sich den Polizisten liegen, die Arme wie abwehrend von sich gestreckt … die Augen geschlossen. Die Hand … diese Hand, musste sie denken. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen: Das Lederarmband … dasselbe, das sie zuletzt an dem maskierten Mann gesehen hatte, dem sie in die Hand gebissen und der sie daraufhin bewusstlos geschlagen hatte. Damals – als sie ihren Mann holten. Da war kein Irrtum möglich.
Das Ding, zwischen ihr und dem Polizisten auf den Asphalt geklatscht war, hatte große Ähnlichkeit mit zwei Eiern … gerösteten Eiern. Unwillkürlich musste Maria daran denken, was sich ihr Töchterchen noch an diesem Morgen zum Frühstück gewünscht hatte.
Als sie bemerkte, dass Lena sich ungeduldig aus ihrer Umklammerung befreien wollte, hielt ihr Maria die Augen zu. Auf gar keinen Fall wollte sie, dass bei ihrem Kind die schrecklichen Erinnerungen an damals wieder hochkamen.
Maria raunte ihr ins Ohr: „Wir stehen gleich wieder auf … aber warte bitte noch etwas – und dann gehen wir beide ganz toll frühstücken … Weißt du was? Ich glaube fast, es gibt geröstete Eier.“
***
An sich hatte Maria mit den fürchterlichen Geschehnissen, die ihre Familie bis ins Mark getroffen hatte, abgeschlossen … einen Schlussstrich gezogen.
Dennoch …
Wehmütig betrachtete sie das Foto aus glücklichen Zeiten vor sich auf dem Schreibtisch, welches ihre Tochter, ihren Mann und sie selbst zeigte. Seitdem war da ein Panzer von Einsamkeit entstanden, den vielleicht keine Liebe mehr zu durchdringen vermochte. Maria hatte das Gefühl, dass die Gewalt um sie herum zunahm … sich die Leute mehr und mehr in einen Strudel der Unsicherheit hineinziehen ließen.
Die endlosen Notizen seitdem – wo war der Sinn? Marias Blick saugte sich am Bildnis ihrer Tochter fest. Vor allem ihretwegen machte es noch Sinn, weiterzuleben, sie zu verteidigen gegen alle Anfeindungen …
Maria hatte wieder nach ihrem Stift gegriffen … ließ ihn dann aber doch fallen – griff stattdessen nach dem Colt. Ob er wohl noch funktionierte?
„Es war einmal – und wird nie wieder so sein!“ … Maria atmete tief durch.
Alles war vergänglich. Seltsam, dass ihr gerade jetzt diese blonde Sängerin einfiel – wie hieß die doch gleich noch … die mit dem Lied für den Präsidenten … „Happy Birthday, Mr. President …“. Kurz darauf war er tot. … Eine Warnung?
Ja. Eine Warnung … an alle, die nach ihm kamen.