Shortstory von Guido Sawatzki
„Und? Machen wir’s?“
Till hatte Ella bei ihrer ersten persönlichen Begegnung so tief in die Augen gesehen, dass ihr gar keine andere Wahl geblieben war, als kräftig mit dem Kopf zu nicken. Dabei sah sie sich keineswegs als der Typ, der sich von jedem Charmeur gleich flachlegen ließ – egal, wie lieb er mit den Augen blinzelte. Okay, okay – er hätte es beinahe geschafft, sie einzuwickeln. Das berühmte Kribbeln im Bauch war fast übermächtig geworden … worüber sie selbst am meisten überrascht war. Denn Berufliches und Privates hatte Ella bisher immer gut trennen können. Das hatte letztlich auch so manchen Kunden überzeugt, der anfangs vielleicht angenommen hatte, mit ihr leichtes Spiel zu haben oder sie gar für dumm verkaufen zu können.
Tills Art jedoch war ihr von Anfang an sympathisch … auch beeindruckte sie, wie zielsicher er mit ihren Vorschlägen umging. Denn das war überhaupt nicht selbstverständlich, wie sie aus jahrzehntelanger beruflicher Erfahrung sicher sagen konnte … da hatte sie schon schwierigere und kompliziertere Klienten gehabt. Stunden- … ja, tagelang hatte sie mit manchen gerungen – auch dann, wenn es sich nur um kleinere Liegenschaften handelte … selbst solche mit einem Wert von unter 50.000 Euro. Das war dann zwar gelegentlich finanziell nicht gerade lukrativ, nützte aber langfristig ihrem Geschäft. Doch als Maklerin und vereidigte Sachverständige für Liegenschaften brauchte man einen langen Atem.
Entsprechend nüchtern sah sie anfangs auch diesen Auftrag. Im ersten Moment hatte sie ihn ablehnen wollen, sie hatte den leisen Verdacht, dass hierbei außer jeder Menge Anstrengung nicht sonderlich viel für sie selbst herausspringen würde. Doch dass es diesmal etwas mehr als nur die übliche Routine sein würde, die sie in Atem hielt, sollte sie bei der Ortsbesichtigung am eigenen Leib erfahren. Denn bei der Liegenschaft, deren Wert zu schätzen war, handelte es sich wohl um ein ziemlich verwildertes und schwer erreichbares Hanggrundstück im Württembergischen. Das zumindest hatte sie durch intensive Internetrecherche herausgefunden. „Remstal“ hieß das Gebiet … abgeschieden, aber überaus idyllisch. Früher – da wohnte sie noch im nahen Stuttgart – hatte sie mit ihren Eltern zusammen den einen oder anderen Sonntagsausflug in diese Gegend unternommen.
„Bringen Sie sicherheitshalber ein Paar Gummistiefel mit“, hatte er ihr zuvor noch am Telefon empfohlen. Sie hatte zwar darüber gelacht – aber das Lachen war ihr rasch vergangen. Zum Glück hatten sie sich unten im Tal getroffen, wo sie dann ihr Auto auf einem einigermaßen ordentlichen Parkplatz abstellen konnte und in seinen Wagen umstieg. „Keine Bange, hier wird nichts gestohlen“, hatte er beschwichtigt, als sie einen besorgten Blick auf ihr Cabrio warf, das im Rückspiegel immer kleiner wurde. Im Nachhinein war es jedoch die richtige Entscheidung gewesen, denn kaum waren sie von der Landstraße auf einen Feldweg abgebogen, ging es erst einmal im Schritttempo einen engen und überaus holprigen Bergweg hinauf. Den konnte man eigentlich nur mit einem geländegängigen Fahrzeug bewältigen. Da hätte sich ihr schickes Cabrio am Ende nur jede Menge Kratzer von den seitlich in den Weg hereinhängenden Brombeerbüschen eingehandelt.
Dennoch – Ella hätte sich jetzt noch verfluchen können … rückblickend kam sie sich fast vor wie die berühmte Maus in der Falle. Ja, genau: Bei diesem Klienten fühlte sie sich sehr bald wie eine Fliege, die ihm auf den Leim gegangen war … obwohl dieser Leim süß schmeckte – zuckersüß sogar; so, wie der Knabe selbst, dem sie hierher gefolgt war. Ein wirklich entzückender Bengel mit Goldlöckchen, so jugendlich, dass man ihn eher auf 15 als auf 55 geschätzt hätte. Hm … in ihrem Alter also. Dass er ihr gleich zu Anfang das „du“ angeboten hatte, fand sie nicht ungewöhnlich. Da fühlt man sich doch gleich um Jahre jünger, hatte sie gedacht.
Fast hätte sie vergessen, weshalb sie überhaupt hier war … Nein, Ella, nein – reiß dich zusammen, schalt sie sich. Schließlich war der Auftrag ganz klar definiert – als „amtliche Schätzung einer Sache“.
Weil Till, wie er ihr am Telefon mitgeteilt hatte, das Grundstück geerbt hatte – und möglicherweise irgendwann noch Miterben Anspruch erheben könnten –, habe er vorsichtshalber nach einem vereidigten Schätzer Ausschau gehalten. Dass die Wahl dabei ausgerechnet auf Ellas Büro gefallen war, sei reiner Zufall gewesen. „Zwar sind Sie auf der Autobahn rasant an mir vorbeigeprescht, aber dank der großflächigen Werbung auf den Seitentüren Ihres Flitzers hatte ich mir Namen und Telefonnummer noch rasch notieren können.“
Das alles klang in Ellas Ohren immerhin sehr vernünftig. Als sie dann jedoch beim Abfahren von der Schnellstraße ein paar Ortschaften weiter ohne einen für sie erkennbaren Grund plötzlich zu dem abgelegenen örtlichen Friedhof abbogen, fand sie dies irgendwie merkwürdig.
„Bin sofort wieder da … muss vorher nur noch kurz etwas mit meiner Mutter abklären.“ Als sie ihn dann fragte, was für eine Art von Job seine Mutter auf diesem gottverlassenen Friedhof denn ausübte – Ella dachte dabei an Gräberpflege oder dass seine Mutter vielleicht darauf achtete, dass hier alles seine Ordnung hatte –, kam seine Antwort kurz und knapp: „Sie liegt hier begraben.“ In diesem Moment erschien ihr alles noch seltsamer als zuvor. Dennoch war sie zunächst im Auto sitzengeblieben. Als Till aber nach einer Viertelstunde immer noch nicht zurück war, stieg sie aus. Der Friedhof war überschaubar und so konnte sie Till auch schon von weitem sehen. Die Situation, in der sie ihn dort überraschte, fand sie allerdings reichlich bizarr. … Okay, es war grundsätzlich normal, dass man Leute auf Friedhöfen mit Spaten antraf – aber das waren dann in aller Regel Arbeiter bei der Grabpflege oder vielleicht auch bei der Vorbereitung eines neuen Grabes.
Hier jedoch war keiner, der irgendwelche abgestorbenen Pflanzen ausbuddelte … vielmehr grub er ein tiefes Loch – und dies auf dem Grab einer Frau, die seit 30 Jahren tot war.
Nicht die Tatsache an sich verstörte Ella hierbei so sehr – es war vielmehr die Besessenheit, die er an den Tag legte. Mit furchtbar verzerrtem Gesicht – sie erkannte ihn kaum wieder – rammte Till den Spaten immer und immer wieder in den lehmigen Boden. Ihm stand schon der Schweiß auf der Stirn. Ella schien es fast, als legte er all seinen angestauten Hass in jeden Spatenstich … als wolle er damit etwas zutiefst Böses zerstören – ja: es töten … für immer!
„Willst du deine Mutter etwa wieder ausbuddeln?“ fragte sie ihn in leicht spöttischem Ton. Sie hoffte damit, die Situation zu entspannen.
Till, der so sehr in seine Arbeit vertieft war, dass er sie erst jetzt bemerkt hatte, zuckte erschrocken zusammen … wie ein ertappter kleiner Junge, musste Ella da denken.
„Habe ich dir nicht gesagt, dass du im Auto bleiben sollst?“, herrschte er sie an. Doch sofort bereute er seine heftigen Worte wieder. „Entschuldige – aber das geht dich wirklich nichts an … ist eine Privatangelegenheit. Das wirst du doch sicher verstehen …“.
Tills heftige Reaktion hatte Ella anfangs ziemlich schockiert, sie beschloss jedoch, nicht weiter darauf einzugehen. Immer mal wieder hatte sie bei ihrer Tätigkeit mit Leuten zu tun gehabt, die etwas wunderlich reagierten, sobald Verstorbene im Spiel waren. Doch wenn sie ehrlich war – von Till hätte sie eine solche Reaktion zuallerletzt erwartet. Von früher wusste sie zwar, dass noch viele der Menschen hier in der Landwirtschaft und im Weinbau arbeiteten und oft etwas schrullig wirkten – doch Till hatte auf sie bislang einen offenen und völlig normalen Eindruck gemacht.
Bevor sie ihn wieder seiner Arbeit überließ, bemerkte sie noch aus den Augenwinkeln, dass er ein größeres Stück Stoff ausgegraben hatte … ganz offensichtlich ein Kleid. Till, der die Verwunderung in ihrem Blick bemerkt hatte, meinte nur trocken: „Ich bringe meiner Mutter immer mal wieder frische Sachen … zum Wechseln. Oder wechselst du deine Kleider etwa nicht?“
Ella wandte sich abrupt ab … ihr stockte der Atem. Langsam – beinahe wie in Trance – ging sie zum Auto zurück. Sie war geschockt, musste einige Male tief durchatmen … wusste nicht mehr, was sie denken sollte.
***
Till sah ihr nach. Keine der Frauen, die er hierhergebracht hatte, um sie seiner Mutter vorzustellen, hatte es je gewagt, sich derart respektlos zu äußern … sein kleines, kostbares Geheimnis ans Licht zu zerren und seine Mutter so unverblümt bloßzustellen.
Till selbst war diese Gegend quasi ans Herz gewachsen. Zum einen lag der Friedhof mit der Familiengrabstätte in unmittelbarer Nähe – und außerdem barg das Hanggrundstück ein kleines Geheimnis. Das wiederum teilte er mit nur einem einzigen Menschen: mit seiner Mutter. Als sie starb, hatte sie ihm das Versprechen abgenommen, ihr seine jeweilige „Auserwählte“ vorzustellen. Am Ende sollte diese seine Frage, „Willst du mich heiraten?“ mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Mit ein paar dieser Anwärterinnen war er schon hier bei ihr gewesen – doch hatte offensichtlich keine von ihnen den Erwartungen seiner Mutter genügt … geschweige denn, dass sie die gewünschte Antwort gegeben hätte.
Seine Mutter hatte ihn dann immer angewiesen, was er tun solle – wofür er zugegebenermaßen nicht immer Verständnis hatte. Gelegentlich hatte er schon gefürchtet, dass seine Mutter auf ihre alten Tage hin – immerhin war sie schon weit über 100 Jahre – noch dement wurde. Doch überließ er ihr in diesen Dingen das alleinige Sagen. Was ihren Lieblingssohn anbetraf, da war sie eben eigen.
Auch in diesem Fall, überlegte Till, würde sie sicher das Richtige tun. Ella würde bald begreifen, was es bedeutete, so unüberlegt daherzuplappern. Dafür würde seine Mutter schon sorgen.
***
Das Hanggrundstück war seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie … von Generation zu Generation weitervererbt. Ebenfalls zu dieser Tradition gehörte es, dass jeweils der oder die Älteste Besitz von diesem Stück Land nahm … das war gewissermaßen ungeschriebenes Gesetz.
In früheren Zeiten war das wohl auch so in Ordnung gewesen – und wurde entsprechend befolgt. In einer Zeit jedoch, in der Ungewissheit und Unsicherheit in der Gesellschaft zunahmen, schien es Till klüger, Besitztümer – egal, woraus diese im Einzelnen bestanden – schriftlich als solche zu fixieren. Seine Absicht darüber hatte er der Familie auch mitgeteilt – und kein Einziger aus der weitläufigen Verwandtschaft hatte Einwände erhoben, dass dieses Gartenstück auf Till überschrieben würde. … Im Gegenteil: Er hatte sogar den Eindruck, dass es allen anderen gleichgültig war … sie insgeheim sogar froh darüber waren, dass ihnen das verwahrloste Grundstück nicht länger wie ein Klotz am Bein hing … vor allem, nachdem sie alle Post von der Behörde bekommen hatten. Man solle sich um den Erhalt dieses, für die Botanik wichtigen Kleinods bemühen – andernfalls sähe sich das Landratsamt gezwungen, einen Bevollmächtigten zu entsenden und gegebenenfalls Strafzahlungen zu verhängen. Das war jetzt aber auch schon einige Monate her, weshalb der Druck wuchs, die Sache endlich hinter sich zu bringen.
***
„Es war wirklich an der Zeit, dass sich jemand auch um die Formalien kümmerte“, erläuterte Till, nachdem er und Ella den Friedhof hinter sich gelassen hatten. „Zwar bin ich hin und wieder mal auf dem Grundstück … das aber wirklich höchst selten; um eben die gröbsten Arbeiten wie Mähen und Wildsträucher zurückschneiden zu erledigen.“
Dann jedoch geschah etwas, was ihn die Frau, die er durchaus sympathisch fand, mit völlig anderen Augen betrachten ließ. Während der Fahrt wurde Ella nämlich schlecht und sie stieg aus, wobei sie hinter einem Holzstoß offenbar ihr gesamtes Frühstück auf einmal loswerden wollte … zumindest klang es danach. Beim Verlassen des Wagens jedoch war, ohne dass sie es in ihrer Aufregung bemerkt hatte, ihre Handtasche umgekippt und der Inhalt hatte sich auf der Bodenmatte ausgebreitet. Während sie noch draußen war, versuchte Till, die Sachen wieder einzusammeln. Zu seiner Überraschung stieß er dabei auf einen Brief mit dem Absender eines seiner Brüder … ausgerechnet von dem, den er überhaupt nicht ausstehen konnte – eigentlich als einzigen der gesamten Sippschaft.
Kaum war Ella wieder eingestiegen, sprach Till sie darauf an. Als er jedoch merkte, dass sie nur herumdruckste, ließ er das ihr offensichtlich unangenehme Thema vorerst fallen … obgleich es ihn zu seiner eigenen Überraschung ziemlich aufwühlte. Vor allem hatte Till das bittere Gefühl, dass ausgerechnet dieser Bruder, der ohnehin finanziell angeschlagen war, ihm dazwischenfunken wollte – offensichtlich nur, um ihn zu ärgern. Denn die Übertragung des Grundstücks an Till war eine reine Formsache.
Weshalb aber hatte Ella ihm nicht von dem Brief erzählt? Hoffte sie etwa, indem sie zweigleisig fuhr, damit möglicherweise eine höhere Provision für sich herausschlagen zu können?
Till merkte, wie sein Vertrauen in Ella schwand. Hinzu kam, dass ihm das Gespräch mit seiner Mutter gerade eben auf dem Friedhof nicht aus dem Kopf wollte. Ganz sicher wusste diese auch schon von dem Brief seines Bruders an die Gutachterin … hatte ihm, ihrem Lieblingssohn, aber wahrscheinlich nichts davon erzählen wollen, um ihn zu schonen. Vorhin an ihrem Grab hatte Till nicht alles so recht mitbekommen – das Stimmengewirr all der Verblichenen, die hier ruhten, war immer größer geworden, je tiefer er grub –, ein Satz seiner geliebten Mutter jedoch war ihm im Gedächtnis hängengeblieben: „Nimm dich vor dieser Frau in Acht, mein Sohn …“. Till hatte noch zurückfragen wollen, was sie damit meine, aber seine Mutter wurde von den anderen, die ebenfalls zu Wort kommen wollten, offenbar einfach beiseite geschubst.
Nein, eingebildet hatte sich Till das Ganze bestimmt nicht. Ohne das Vorkommnis mit dem Brief seines Bruders hätte er der jetzigen Warnung seiner Mutter vielleicht keine allzu große Bedeutung geschenkt … so hingegen …?!
„Du bist ja so schweigsam geworden, Till“, meinte seine Begleiterin, als sie wieder unterwegs waren. „Machst du dir etwa Sorgen um meine Gesundheit?“.
Till ärgerte sich insgeheim … für sie gab es wohl nichts Wichtigeres als die eigene Person!
„Und, Ella? Fühlst du dich mittlerweile etwas besser … nachdem dir vorhin noch so übel war?“, versuchte er auf sie einzugehen. „So, wir sind jetzt da … Die Schaukelei hat ein Ende. Wir gehen das restliche Stück zu Fuß weiter.“
Doch schon nach wenigen Schritten blieb Till wie erstarrt stehen. In dem lehmigen Boden vor ihnen zeichneten sich Fußabdrücke ab … frische Fußabdrücke (!) … von zwei unterschiedlichen Personen. Wer oder was trieb sich hier oben, auf dem Weg zu seinem Grundstück, herum?
Ella verriet er zunächst noch nichts von seiner Entdeckung. „Geh schon mal voraus“, forderte Till seine Begleiterin auf.
***
Ella fand zunächst nichts Merkwürdiges dabei … führte der Pfad doch, abgesehen von zwei Abzweigen, fast schnurgerade nach oben. Verirren konnte man sich hier kaum. Wenige Minuten später hatte sie das Grundstück erreicht. „Ich bin da!“, rief sie übermütig.
Doch dann schrak sie zusammen. Till, den sie eigentlich hinter sich vermutet hatte, stand unvermittelt vor ihr – wie vom Himmel gefallen. „Ich habe eine Abkürzung genommen“, erklärte er ihr grinsend. „Ich kenne mich in diesem Gebiet besser aus als jeder andere. Nach dem Tod meiner Mutter habe ich hier unzählige Stunden verbracht – insbesondere dann, wenn ich meine Ruhe haben wollte. … Deshalb bemerke ich auch immer sofort, wenn sich jemand Fremdes auf meinem Grundstück herumgetrieben hat.“
Till hielt einen Moment inne … schaute Ella dabei scharf an. „Wie kommt es eigentlich, dass du so zielstrebig auf das Grundstück zugesteuert bist? … Oder warst du etwa schon mal da und hast es dir angesehen? … Und das Ganze in Gesellschaft … meines verehrten Bruders etwa? Komm, Ella – zeig mir den Brief. Bitte. Ich will ihn mir nicht holen müssen!“. Till hatte Ellas Unsicherheit sehr genau registriert; hatte auch das ängstliche Flackern in ihren Augen bemerkt.
Ella fühlte sich in die Enge getrieben. Zum einen war da ihr Geschäftssinn, andererseits fand sie Till aber ausgesprochen sympathisch. Auch erkannte sie beim Blick in seine Augen die unendliche Enttäuschung und Verbitterung, die ihn überfielen … von einem Moment auf den anderen. Von der Sanftmütigkeit, die sie an ihm so angezogen hatte, war nichts mehr zu spüren.
„Ich … ich … ich habe dem Brief deines Bruders keine große Bedeutung beigemessen. Hier hast du ihn.“
„Danke – ich will ihn nicht … nicht mehr, Ella. Gehen wir weiter.“ Tills Stimme klang dabei seltsam fremd.
Tu das nur, du arroganter Mistkerl, musste Ella da denken. Er würde schon bald erfahren, was er davon hatte. Sie fühlte sich von ihm nicht für voll genommen. Ihr anfängliches Mitgefühl wegen der Intrige seines Bruders begann, ins Gegenteil umzuschlagen. Sollte er doch selbst schauen, wie er zu Rande kam.
Till war abrupt stehen geblieben. Jemand, der sich hier nicht auskannte, wäre jetzt verloren – denn einem Fremden wäre kaum aufgefallen, dass sich das Gras verändert hatte. Aus dem satten Grün war eine braune Fläche geworden. Doch eigentlich musste er gar nicht lange grübeln; er kannte ja das Spiel. Schließlich war es schon einige Male passiert – „same procedure as every year“ – und immer genau an dieser Stelle.
Welche Rolle spielte Ella bei alledem? Till tat so, als ob er weiterlaufen wollte. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Ella die Hände vors Gesicht schlug; das deutete für ihn eindeutig darauf hin, dass sie ganz genau wusste, was gleich passieren würde, wenn er noch einen einzigen Schritt in diese Richtung tat. Till zögerte … blieb stehen. Er musste es jetzt wissen, denn er fand Ella immer noch nett – sogar liebenswert. Und wohl auch deshalb wollte er nicht wahrhaben, dass sie vielleicht ein falsches Spiel trieb.
Direkt neben sich sah er einen dicken Steinbrocken liegen. Er hob ihn auf, holte aus … ließ ihn dann aber doch wieder fallen. „Weißt du, was da vor uns ist, Ella? Du hast meine Frage übrigens noch nicht beantwortet, ob du schon mal hier warst. … Und? Warst du?!“
„Er hat mich gezwungen, Till … gezwungen, zuzusehen, wie er das Netz darüber spannte … und das alles.“ Till war unschlüssig … hatte das Gefühl, dass sie nach Ausflüchten suchte.
Ellas Stimme hatte einen ängstlichen Ton angenommen. „Ich hielt das anfangs für eine bloße Wildgrube – wegen der vielen Knochen da unten. Ich hatte auch gar nicht so genau draufgeschaut … weißt du? Und dass das etwas mit dir zu tun haben sollte – auf die Idee kam ich überhaupt nicht …!“.
***
„Du weißt, was Du jetzt tun musst … mein Sohn!“. Ella sah in Tills Augen, dass etwas nicht stimmte. Sein Blick ging ins Leere. Er wirkte total abwesend … regelrecht verstört – wie von einer fernen Macht gesteuert.
„Was soll ich tun, Mutter?“. Ella zuckte zusammen … er sprach da doch mit einer Toten!
„Das, was deine Aufgabe ist … sie töten. Tu es! Sofort!“
Till schlug sich verzweifelt mit beiden Fäusten gegen die Stirn … versuchte, sich von dem, was da jetzt auf ihn einprasselte, freizumachen. Er überlegte, was seinen Bruder dazu bewogen haben konnte, ihn, Till, zu hintergehen … andere Menschen anzustiften, ihm, seinem Bruder, zu schaden.
War es Neid? … Etwa, weil Till bei allem vorgezogen worden war?
Till spürte, er musste jetzt etwas tun. Er hob den Felsbrocken wieder auf, warf ihn mit voller Wucht genau in die Mitte des Quadrats, das sich vor ihnen auf dem Boden abzeichnete. Das dünne Netz aus Gras, Zweigen und Blättern, das über die Grube gespannt war, brach durch.
Finster blickte Till auf die Spieße hinunter … um sie herum Stofffetzen und Knochen – Menschenknochen! Die Spieße … an den Spitzen angerostet. Till schauderte es, hielt sich die Hände vors Gesicht. ER war es doch gewesen, ER hatte doch immer den Wunsch … den Befehl seiner Mutter vollzogen! ER hatte doch damals die Grube ausgehoben – allein er war schuld.
Till versuchte, sich vorzustellen, was sein Bruder wohl gedacht haben mochte, als er auf die Grube stieß. Till fiel das Sprichwort ein, „Wer andern eine Grube gräbt …“. Vermutlich hatte sein Bruder genau dies beabsichtigt.
Jedes Mal, wenn Till in Begleitung herkam, war er mit seinen Taten konfrontiert. Zu Anfang war es ihm schwergefallen – das zu tun, was einfach getan werden MUSSTE. Auch spürte er jedes Mal, wie dadurch etwas in ihm zerbrach … Stück für Stück; wie seine Gefühle nach und nach zu Bruch gingen … er den Zwiespalt zwischen seiner Mutter und seinem eigenen Anspruch an das Leben kaum mehr aushielt – er jedes Mal als ein Anderer zurückkehrte. Dennoch war es ihm danach immer wieder gelungen, den Konflikt irgendwie zu verdrängen – und normal weiterzuleben.
Plötzlich spürte Till hinter sich eine Bewegung … dann einen heftigen Schlag in seine Richtung mit einem Gegenstand, dem er gerade so ausweichen konnte. Etwas Schweres streifte seinen Kopf und es tat auch ziemlich weh. Till schwankte, aber er wurde nicht bewusstlos. Langsam drehte er sich um. Ella hielt einen dicken Ast in den Händen. „Ich hatte keine Wahl, Till … tut mir leid … er hat gedroht, meine Existenz zu vernichten, wenn ich nicht den Mund halte. … Und wenn man dich nicht aufhalten würde, dann würdest du weitermachen – und ich wäre als Nächste dran … verstehst du mich?“
Till brach es beinahe das Herz – währenddessen hämmerten die Worte seiner Mutter erbarmungslos auf ihn ein, sodass ihm kaum Zeit zum Denken blieb: „Tu es … tu es!“
„Ja … Mutter. Ich komme ja schon.“
Till dröhnte der Kopf. Fest packte er Ella, die in Todesangst schrie, an beiden Armen …
„Nein, Till, nei-i-i-i-i-n!“.
Till schloss die Augen, drückte Ella fest an sich …
Ließ sich mit ihr gemeinsam in die Grube fallen.