DAS VERBOTENE PARFÜM

Shortstory von Guido Sawatzki

Verdutzt schaute Kaspar der Kundin nach. Schon wollte er die Serviette zusammenknüllen und in den Mülleimer werfen – doch machte ihn die Art und Weise stutzig, wie dieses weiße Ding am Rand seines Büchertisches lag … penibel zusammengefaltet und vollkommen unbenutzt. Sieht doch fast wie eine Einladung aus, es in die Hand zu nehmen, dachte Kaspar bei sich … irgendwie ungewöhnlich. Vielleicht steckte ja mehr dahinter …  hm. Die Serviette konnte eigentlich nur seine letzte Kundin liegengelassen haben.

Nachdem Kaspar ihr noch einen sehnsüchtigen Blick hinterhergeschickt hatte – die Frau war tatsächlich mit überirdischen Kurven gesegnet –, wickelte er sich die unschuldig wirkende Serviette um die Finger. Erst da bemerkte er, dass sie in Wirklichkeit aus feinem Stoff war. Weich und anschmiegsam wie seine Besitzerin … eventuell … oder?

Kaspar verdrehte die Augen – was war los mit ihm? Ein bestimmter Frauentyp schien ihn immer wieder seine gute Erziehung vergessen zu lassen … seine Fantasie kannte dann offenbar keine Grenzen.  Allein schon, wenn er sich gewisse Dinge ausmalte, lief er rot an. Wahrscheinlich kam das aktuell aber auch wegen der bevorstehenden Weihnachtsfeiertage, an denen er wieder mal allein sein würde. Eigentlich seltsam, überlegte Kaspar. Weder im Heiligtum der Liebe noch im Tempel der Freundschaft hatte er für längere Zeit Asyl gefunden. Hoppla! Wurde er jetzt etwa zum Poeten? Mit seinen 40 Jahren? Was soll’s, versuchte er seine wirren Gedanken zu besänftigen.

Jedenfalls hatte die Eigentümerin des Tüchleins wohl kaum beabsichtigt, sich damit den Mund abzuwischen oder gar hineinzuschneuzen; viel eher schien es dafür gedacht zu sein, sich die Wangen dezent abzutupfen – um es danach erneut in eines der zahlreichen Fächer ihres eleganten Dolce&Gabbana-Handtäschchens zu versenken.

Unwillkürlich – und ohne groß darüber nachzudenken – führte Kaspar das weiche, anschmiegsame Stückchen Stoff an seine Nase. Mann, was war denn jetzt in ihn gefahren?! Für einen kurzen Moment war er selbst verblüfft. War es etwa der blumige, verführerische Duft, der ihn so anmachte? Und was brachte ihn dazu, sich dem erregenden Gefühl, das von ihm gerade Besitz nehmen wollte, so ganz und gar hinzugeben … allein seine Sinne ihr verheißungsvolles (oder auch verhängnisvolles) Spiel treiben zu lassen – ohne jeglichen Widerstand?!

Ihm fiel auf, dass das Tüchlein an einer Ecke bestickt war: „Beatrice“. Weiter nichts … mit einer sehr feinen Schreibschrift.

***

Noch einmal ging sein suchender Blick in die Richtung, die seine Kundin eingeschlagen hatte, nachdem sie ihn zutiefst verwirrt an seinem Bücherstand zurückgelassen hatte. Fast schon zwanghaft drängte sich ihm ihr Bild selbst dann noch vor Augen, als die geballte Menge der Besucher dieses Hobby- und Künstlermarkts sie schon längst verschlungen hatte. Schlank war sie gewesen, elegant gekleidet – ein äußerst enganliegendes, schwarz glänzendes Kostüm mit einem tief geschnittenen, äußerst schmalen Ausschnitt, der dennoch reichlich Haut zeigte … ihr gewagtes Outfit erschien ihm in dieser Umgebung schon fast ein wenig deplatziert. Eines aber war sie auf jeden Fall: wahnsinnig sexy – von einer Sinnlichkeit, die jeden Mann durchdrehen lassen musste … ja, das war SIE.

Von der ersten Sekunde an hatte er sich von ihr geradezu verhext gefühlt – mit ihrem betörenden Aussehen und dem hinreißenden Lächeln, dem er nichts entgegenzusetzen hatte. Je länger er bei ihr stand und je öfter sich ihre beiden Augenpaare begegneten, umso mehr fühlte er sich von ihrem fordernden Blick angezogen – weder dazu bereit noch fähig, loszulassen! Regelrecht gefesselt … geradezu ausgeliefert – viel anders konnte er es nicht beschreiben. Gegen dieses suggestive Gefühl fühlte er sich vollkommen machtlos. Mann-o-Mann – in diesem Moment hätte er alles für sie getan … wirklich alles!

Dabei hatte er ihr nur etwas über den Roman erzählen wollen, zu dem sie gegriffen hatte. Doch fühlte er sich von dem Zauber, der von ihr ausging, bereits nach wenigen Sätzen derart gefangen, dass er sich dabei ertappte, wie die Worte in seinem Mund plötzlich hilflos hin und her taumelten … wie ein Fahrzeug, das mit einem Betrunkenem am Steuer mit hoher Geschwindigkeit einen schmalen Weg entlangrast und dabei immer wieder die Leitplanken touchiert.

Wenn seine Augen überhaupt loslassen konnten, dann nur, um kurz die Blickrichtung zu ändern … auf ihren Mund – auf diese wundervollen Lippen.

Irgendwann hatte Kaspar das Gefühl, nur noch stammeln zu können. Auch war seine Stimme, sonst eher scharf und rau, unmittelbar und fast ohne Übergang in einen melodiösen, fast weichen Klang gewechselt. Hätte ihm jemand vorhergesagt, dass er sich eines Tages so derart hilflos fühlen würde, nachdem eine schöne Frau ihr Netz nach ihm ausgeworfen hatte, Kaspar hätte ihn ausgelacht.

Dabei hatte sie selbst doch keinerlei Anstrengungen unternommen, die man auch nur entfernt als Annäherungsversuch hätte deuten können. Nein, die Initiative – sofern man das überhaupt so formulieren wollte – war allein von ihm ausgegangen. Ungewollt zwar, aber doch ziemlich eindeutig.

… Beatrice.

Die Farbe ihres Nagellacks korrespondierte mit ihren Augen – ein dunkles Blau mit einem leicht grünlichen Schimmer. Während ihres Gesprächs war er ihr ein paarmal so nahegerückt, dass er sogar ihren Duft wahrnehmen konnte. … Fast hätten seine Lippen ihre Wangen berührt. Doch konnte er einfach nicht anders. Als sie das bemerkte, rückte sie ein Stück weit von ihm ab … aber nur ein klein wenig … mit einem feinen Lächeln in den Mundwinkeln. Dabei schien sie sogar leicht zu erröten … was ihn noch umso mehr anstachelte. Auch schien sie dabei tief durchzuatmen, wobei sich ihre Brust heftig hob und senkte. Offenbar hatte sie seinen Versuch einer Annäherung richtig gedeutet – und schien ihm nicht abgeneigt.

***

Natürlich hatte Beatrice bemerkt, was da in ihrem Gegenüber ablief. Auch hatte sie für sich sehr schnell registriert, dass sie einen Typ wie Kaspar bislang nicht auf ihrer „Speisekarte“ hatte … nein, dieser Mann war keiner von der üblichen Sorte … kein Happen für zwischendurch – vielmehr etwas Besonderes.

Wahrscheinlich scheute sie sich gerade deshalb, auf die doch ziemlich eindeutigen Signale, die er aussendete, einzugehen. Mein Gott – die Männer, mit denen sie sich schon eingelassen hatte, würden einen ganzen Häuserblock füllen … aber schließlich konnte sie nichts für ihr Aussehen! Nur, dass sie damit wohl das perfekte Opfer war – vor allem für all diejenigen, die selbstsüchtig und nur auf die Befriedigung ihrer eigenen Wünsche und Begierden aus waren. Wie sie selbst dabei fühlte, war denen völlig egal.

Beatrice hatte daraus gelernt, hatte sich angepasst und die Männer aussortiert à la „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“. Bei diesem allerdings war sie sich noch unsicher. Auch wollte sie noch abwarten, ob – und vor allem, wie – er auf das von ihr bewusst zurückgelassene parfümierte Tüchlein reagierte.

***

Würde sie wiederkommen? Kaspars Gedanken wirbelten im Kreis. Dummerweise hatte er sein Kartenlesegerät nicht dabei – und sie war ohne Bargeld unterwegs. Sie wolle aber auf jeden Fall nochmals wiederkommen, hatte sie gesagt. „Versprochen!“ Nun hatte er die Erfahrung gemacht, dass Versprechen in einem Umfeld wie diesem oftmals leichtfertig abgegeben werden … ohne die feste Absicht, das gegebene Wort auch tatsächlich einzuhalten. Immerhin hatte er als Erinnerung an sie noch das parfümierte Tüchlein.

Nach etwa zwei Stunden – Kaspar war gerade auf dem Rückweg von einer Kaffeebar – sah er sie … an seinem Stand. Doch war sie nicht allein. Ein Mann stand neben ihr. Der Kerl passt absolut nicht zu ihr! Dieser Gedanke durchzuckte ihn unmittelbar, ohne dass er ihn sich erst großartig bewusst gemacht hatte: Untersetzt, mit kurzem Hals und aufgedunsenem Gesicht sowie einer offensichtlichen Neigung zu Fettansatz. Kaspar schmunzelte in sich hinein. Also nein … wie jemand, der unter allergrößten Entbehrungen der Kunst des Schreibens nachgeht – Kaspar hatte dabei das Bild des armen Poeten von Spitzweg vor Augen –, sah dieser Mann nun wirklich nicht aus. Allein bei dieser Vorstellung hatte er Mühe, nicht laut loszulachen. Doch die finstere Miene seines Gegenübers stoppte diese Absicht sofort.

Kaspar drehte sich ein wenig, um sich im großen Bodenspiegel des Kleiderstands gegenüber besser im Profil betrachten zu können. Mann – kein Vergleich!  Allein von seinem Äußeren her fiel er selbst da schon eher in die Kategorie eines Schreiberlings … meinte Kaspar selbstgefällig. Und überhaupt – diese Vorstellung ließ ihn hellwach werden – vielleicht war sie ja gar nicht mit diesem Typen verheiratet!

Kaspar beeilte sich, wieder an seinen Bücherstand zu kommen. Zuvorkommend lächelnd, das Tablett mit seinem Kaffeebecher inklusive üppigem Tortenstück auf der Hand balancierend, begrüßte er seine Besucherin. Beatrices Gesicht, das zunächst angespannt gewirkt hatte, öffnete sich mit einem Strahlen, das Kaspar durch und durch ging. Das war wohl auch der Tatsache geschuldet, dass sie sofort ihr Tüchlein bei ihm entdeckt hatte. Sorgfältig gefaltet steckte es in dem kleinen Brusttäschchen seines Sakkos. „Tut mir leid, dass Sie sich die Mühe machen mussten, nochmals herzukommen“, erwiderte Kaspar das Strahlen – beinahe wie eine Stehlampe, die jemand angeknipst hatte.

„Ich bin übrigens ihr Mann“, fuhr ihr Begleiter dazwischen. Er hatte sehr rasch registriert, dass es zwischen den beiden zu knistern begonnen hatte.

„Darf ich vorstellen: Balthasar Großmann, mein Lebensgefährte und Manager“, korrigierte sie ihn sofort. Diesem zog es – offensichtlich leicht angesäuert – die Mundwinkel nach unten.

„Na – ist doch immerhin auch etwas, Herr Großmann … bei einer so schönen Frau – oder?“, rutschte es Kaspar heraus. Ein hämisches Grinsen versuchte er dabei erst gar nicht zu unterdrücken.

Balthasar Großmanns Reaktion auf diese unverschämte Provokation ließ nicht lange auf sich warten. Ruckartig drehte er sich zur Seite … so, als ob er sich abwenden wollte. Wie unabsichtlich stieß er dabei mit dem Ellenbogen gegen das Tablett, woraufhin der volle Becher mit Kaspars Michkaffee umkippte. Sein Inhalt ergoss sich jedoch nicht, wie augenscheinlich von Großmann beabsichtigt, über Kaspars Hose, sondern über Beatrices Kostüm sowie über das Buch, das sie erwerben wollte.

„Du verdammter Idiot, verdammter …!“, schimpfte sie lauthals los.

„Aber diese kleine Ungeschicklichkeit lässt sich doch bestimmt gleich bereinigen“, versuchte Kaspar, dem es auch um sein Buch ging, zu beschwichtigen. Beatrice warf ihm ein verzweifeltes Lächeln zu.

„Er hat das mit Absicht gemacht!“, zischte sie giftig und bedachte ihren Begleiter mit einem Blick, der ihn streng genommen augenblicklich in ein Häufchen Asche hätte verwandeln müssen, dachte Kaspar bei sich. „Doch Sie haben Recht, Herr … äh … wir sind glücklicherweise mit meinem Wohnmobil hier. Dort kann ich mich zum Glück umziehen. … Bitte warten Sie, ich bin gleich zurück.“

„Darf ich Sie vielleicht als kleine Entschädigung an die Bar gleich neben der Halle einladen? Wie ich sehe, wird dieser sogenannte Künstlermarkt ohnehin in einer Viertelstunde schließen. Und das Buch ersetze ich Ihnen selbstverständlich“, gab sich Balthasar Großmann großzügig – wenngleich der reichlich herablassende Ton nicht zu überhören war.

„Geh‘ ruhig mit ihm in die Bar – aber schütte ihn nicht gleich mit Whiskey zu … . Das hat er nämlich schon öfter so gemacht, sollten Sie wissen“, warf Beatrice ein, die gerade noch versuchte, mit Papiertaschentüchern den größten Teil des Schadens wegzutupfen; denn mit ihrem schicken Kostüm, auf dem die Flecken jetzt unübersehbar waren, wollte sie nicht unbedingt quer durch die Halle laufen.

***

„Was hat er schon öfter gemacht?“, hakte Kaspar nach.

„Hören Sie nicht auf sie“, wiegelte Balthasar Großmann ab und reichte Kaspar die Hand. „Sie ist manchmal ein wenig überspannt. Kommen Sie … schließen wir Frieden. Sie wird sich bald wieder abregen … vorausgesetzt, sie bekommt, was sie will. Übrigens ist sie in Sachen Männer sehr wählerisch.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Kaspar verwundert.

„Ach, wissen Sie, Kaspar … ich darf Sie doch so nennen …, sobald ich mir sicher bin, dass es mal wieder soweit ist – also dass sie mal wieder Appetit auf einen anderen Mann hat –, ist alles Weitere nur noch eine Formalie. … Außerdem ist bald Weihnachten – also: betrachten Sie Beatrice als großzügige Weihnachtsgabe … von mir.“ Balthasar Großmann lachte laut auf, als er Kaspars verblüffte Miene sah. „Doch, doch – ich lege Sie Ihnen gewissermaßen unter den Tannenbaum … ich meine das ernst. Nicht dass Sie mich missverstehen – ich liebe Beatrice … nur ist mir durchaus klar, dass sie lediglich solange bei mir bleiben wird, wie ich ihre Spielchen – und damit eben auch ihre Liebhaber – toleriere.

Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen nachher unser Wohnmobil zeige? Ich hoffe doch, Sie haben Lust. Zuvor sollte ich allerdings noch Beatrices kleinen Tick erwähnen … jedoch – lassen Sie sich einfach überraschen!“.

Balthasar Großmann hakte Kaspar kumpelhaft unter. „Kommen Sie, Kaspar … und nennen Sie mich ruhig auch bei meinem Vornamen. Dass ich Ihnen dies erlaube, dürfen Sie ruhig als Kompliment für sich werten. Außerdem sind Sie der Erste, für den ich Sympathien hege. Weshalb? Nun, Sie sind wohltuend anders als die andern.“

Kaspar starrte sein Gegenüber ungläubig an … wähnte sich gar im falschen Film.

„Ich heiße übrigens Balthasar. Unsere allerheilige Partnerschaft – als eine solche können wir das angesichts unserer illustren Vornamen jetzt ruhig sehen – muss aber unbedingt noch begossen werden. Ich darf Sie doch einladen? Keine Sorge – Beatrice weiß, wo sie uns finden kann. Wir helfen Ihnen nachher auch, Ihre Siebensachen am Stand zusammenzupacken. Einverstanden?“ Balthasar Großmann wartete Kaspars Antwort erst gar nicht ab, sondern zog ihn einfach mit sich.

Zu seinem Erstaunen stellte Kaspar fest, dass er zunehmend Gefallen an dieser skurrilen Situation fand. Vermutlich beflügelte ihn die Aussicht auf ein Zusammensein mit der traumhaft schönen Beatrice derart, dass er bereit war, jegliche Bedenken oder gar Skrupel beiseite zu schieben. In Gedanken malte er sich bereits aus, was er alles mit ihr anstellen würde, wenn sie sich erstmal gegenüberstünden.

***

Spätestens nach dem fünften Whisky mit seinem neuen Freund hatte Kaspar sich in Gedanken bereits von allem verabschiedet, was ihm bisher heilig gewesen war. Als sein Zechbruder ihn irgendwann fragte – Kaspar hatte bereits jegliches Zeitgefühl verloren –, „Gehen wir?“, konnte er seine Erregtheit kaum noch verbergen. Das war allerdings auch kein Wunder, hatte Balthasar ihm doch haarklein erzählt, was Beatrice alles mit Männern anstellen konnte – „geradezu animalisch …“, hatte er Kaspar zum Abschluss noch ins Ohr geflüstert … „unter einer Bedingung: du musst alles tun, was sie verlangt!“

„Aber keine Bange, mein Bücherfreund … auf dich passe ich besser auf als auf die andern. Versprochen!“. Dies war bereits das zweite Mal, dass Kaspar sich fragte, was Balthasar ihm außer Beatrices kleinem Tick sonst noch so alles verheimlichte.

Obgleich inzwischen reichlich wacklig auf den Beinen, schaffte Kaspar noch die drei Stufen hoch ins Wohnmobil. Auch registrierte er, dass es überraschend geräumig war … sogar zwei Schlafzimmer hatte. „Darf ich dir beim Schuhe ausziehen behilflich sein?“, fragte Beatrice, die die Beiden im Bademantel empfing. Ob sie darunter wohl etwas anhatte? Willenlos ließ sich Kaspar von ihr ausziehen … sich anschließend sogar die Arme auf den Rücken fesseln.

„Ich sehe, du willst wieder das volle Programm – oder?“ Balthasar warf seiner Frau einen flackernden Blick zu, den diese im Moment nicht deuten konnte.

„Ja, klar doch! Auch ich will meinen Spaß haben … und, wie du sehr genau weißt, mag ich keine besoffenen Männer. Doch füllst du wohl immer gerade deshalb diejenigen, die mir gefallen könnten, noch schnell ab … weil du eifersüchtig bist. Du Fettkloß!“ Beatrices Stimme überschlug sich … die ganze Person glich einer rachsüchtigen Furie. Auch hatte sie auf einen Blick gesehen, dass ihr Tüchlein, für sie das Zeichen ihrer tiefen Verbundenheit mit Kaspar, nicht mehr in dessen Brusttasche steckte. Wahrscheinlich hatte der es in seinem Suff in den Dreck getreten.

„Und darum soll auch der hier wie alle andern dafür bluten, dass er als Mann zur Welt gekommen ist. Aber … was geht das dich an!? … Ha! Nichts … du hast hier überhaupt nichts zu sagen!“, stieß Beatrice mit einer derartigen Boshaftigkeit hervor, dass Kaspar, obwohl er schon ziemlich benommen war, buchstäblich das Blut in den Adern gefror. Ihre Augen, in denen er doch kurz zuvor noch Zuneigung gesehen hatte, schienen jetzt geradezu Eiszapfen zu sprühen.

Aus den Augenwinkeln nahm er noch wahr, wie Balthasar ihr mit den Worten, „Der Schreiberling hier aber nicht … ich habe es ihm versprochen!“ den Dolch, den Beatrice offenbar schon bereitgelegt hatte, aus der Hand wand. Obwohl Kaspar kaum noch stehen konnte, warf er sich mit aller Kraft, zu der ihn sein Rausch noch befähigte, zwischen die beiden.

Dass Beatrice sich im Handgemenge den Dolch aus Versehen selbst zwischen die Rippen stieß und zusammenbrach, bekam Kaspar nicht mehr mit … auch nicht, dass Balthasar ihn von den Fesseln befreite, den blutigen Dolch aus Beatrice herauszog und ihn Kaspar in die Hand drückte. Dabei benützte er wohlweislich das parfümierte Tüchlein, welches er dem volltrunkenen Kaspar auf ihrem Weg zum Wohnmobil aus der Brusttasche gezogen hatte.

Ja, dachte Balthasar versonnen – Beatrice hatte so ihre Ticks. Doch hatte sie in diesem Fall offensichtlich ein Eigentor geschossen.

„L’interdit heißt der Duft ihres Parfums übrigens – was übersetzt soviel wie ‚Verboten‘ bedeutet. Das hast du offensichtlich nicht gewusst … oder? Aber tröste dich, armer Kaspar –auch mich hat dieser Duft immer verrückt gemacht … ist schlimmer als Opium“, meinte er noch abschließend, bevor er die Tür des Wohnmobils sorgfältig hinter sich zuzog … von außen.