JEDEM TOPF SEIN DECKELCHEN

Shortstory von Guido Sawatzki

„Ein makabres Thema haben Sie sich da ausgesucht, Dr. Satanus“, meinte der junge Reporter, als er sich zu dem Altertumsforscher hinabbeugte.

„Wären Sie so liebenswürdig und würden mir kurz helfen? Ich stehe hier schon seit fast einer Stunde auf demselben Fleck; wage es aber nicht, mich fortzubewegen, weil ich fürchte, die Stelle später nicht mehr wiederzufinden. Darf ich Sie bitten, mir eines der kleinen Markierungstäfelchen von dort drüben zu reichen?“ Satanus deutete auf einen kleinen Haufen in der Ecke.

„Aber gerne doch!“ Knut Haberkorn konnte im schwachen Schein der Grubenlampe zwar so gut wie nichts erkennen, folgte aber gehorsam den Anweisungen des Alten. Dr. Edwin Satanus, seines Zeichens Denkmalpfleger in diesem, von Weinbergen umgebenen, verschlafenen Dorf, war für ihn kein Unbekannter.

***

Bereits einer der ersten Termine vor ein paar Jahren in seinem neuen Job beim Bettelsheimer Tagblatt hatte Knut hierhergeführt. Anlass war die Eröffnung des Württembergischen Schnapsmuseums gewesen – eine ungeheure Attraktion für diesen kleinen Ort. Der Betreiber des Museums war ebenfalls Dr. Satanus – ein Mann, der sich ab und an für Knut als wahre Fundgrube für spannende Geschichten erweisen sollte.

Dieser fanatische und ein wenig schrullige Sammler von Gegenständen jeder Art aus früheren Epochen war ihm auf Anhieb sympathisch gewesen. An Typen wie ihm konnte Knut einfach nicht vorbei. Lediglich ein paar allgemeine Zeilen über diesen höchst bemerkenswerten Mann hinzukritzeln, dagegen hatte sich sein Reporterherz schon bei der Museumseröffnung heftig gewehrt.

Worüber sich Knut damals allerdings gewundert hatte, war die Prominenz, die sich hierbei buchstäblich die Klinke in die Hand gab. Knut war von seiner Einstellung her eher kein Freund von Wein und Schnaps. Umso erstaunlicher fand er es, dass sich Leute von Format nicht genierten, bei einem Anlass wie diesem in aller Öffentlichkeit aufzutreten – denn wohlgemerkt: es ging um Alkohol (!). Doch selbst der EU-Abgeordnete Bernd Kettinger hatte es nicht als verwerflich angesehen, die Liste der illustren Gäste mit seiner Person zu bereichern.

Im Nachhinein war es deshalb für Knut kein Wunder, zu erfahren, dass dieser bekannt dafür war, kein Verächter eines „guten Tropfens“ zu sein … gelinde formuliert. Auch sollte er mehr als nur einmal in Begleitung von Damen aus dem städtischen Rotlichtmilieu gesehen worden sein. Offenbar waren diese Gerüchte nicht an den Haaren herbeigezogen, denn kurz nach ihrem Bekanntwerden reichte Kettingers Frau die Scheidung ein.

Na, dann passt’s ja, hatte Knut später bei sich gedacht. Denn dass Kettinger mehr als einmal eine rote Linie überschritt, zeigte sich auch dadurch, dass immer mehr Parteikollegen auf Abstand zu ihm gingen. Ihm blieb schließlich nichts anderes übrig, als sich von der politischen Bühne weitestgehend zurückzuziehen … in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Immerhin hatte Kettinger es verstanden, seine Schäfchen noch rechtzeitig ins Trockene zu bringen. Einen Eindruck davon erhielt Knut anlässlich eines offiziellen Empfangs zu dessen Abschied in seinem Haus, einem luxuriös umgebauten, mittelalterlichen Gehöft in Bettelsheim; Knut war als Vertreter der örtlichen Presse eingeladen worden. Neben Abgesandten der Landespolitik – und zwar solchen aus der ersten Reihe – gaben sich außerdem hochrangige Repräsentanten von Industrie und Handel die Ehre.

Ganz jovial hatte Kettinger damals ihm, dem kleinen Journalisten Knut Haberkorn, auf die Schulter geklopft und kräftig die Hand geschüttelt. Für einen Außenstehenden musste das so ausgesehen haben, als ob sie sich schon seit Jahren kennen würden. Knut wurde dabei ganz mulmig zumute, ließ diese Geste doch den Eindruck zu, dass da zwei ganz dicke miteinander waren.

Derlei Schultertätscheln war Knut zutiefst zuwider – ganz abgesehen davon, dass es sein Berufsethos nicht zuließ, sich einvernehmen zu lassen … und zwar egal in welcher Form und von wem. Die Krönung des Abends war zum Abschied noch Kettingers Bemerkung: „Wenn ich Ihnen mal etwas Gutes tun kann – scheuen Sie sich nicht!“

***

Obwohl dies, wie gesagt, schon einige Zeit zurücklag, musste Knut immer dann, wenn er Satanus besuchte, an jene Ereignisse zurückdenken.

„Wem gehört dieses Haus überhaupt, in dem Sie da gerade rumbuddeln?“ erkundigte sich Knut neugierig.

„Na – dem Kettinger … und die beiden Nachbarhäuser links und rechts ebenfalls“, grummelte der Wissenschaftler vor sich hin. „Der hat sich seinen Abgang von der politischen Bühne damals so richtig vergolden lassen … Sie haben das aber nicht von mir, Knut – ich kann mich doch darauf verlassen?“

„Aber selbstverständlich … . Schließlich kennen wir uns doch schon lang genug – oder?“

„Dieses Haus, in dem wir uns gerade befinden, war übrigens sein Elternhaus, Knut“, bemerkte der Alte noch. Eine solche Bemerkung, zumal wie zufällig dahingeworfen, weckte die Neugier des ehrgeizigen Reporters natürlich sofort … ganz abgesehen davon, dass er mit dem Namen Kettinger – vor allem seit dessen Verabschiedungsfeier – keine angenehmen Erinnerungen verband. „Und? Schon was gefunden?“, bohrte er nach.

„Ich tät‘s mir schon wünschen. Immerhin ist es schon einige Monate her, seit ich die letzte, in einem irdenen Topf bestattete Nachgeburt gefunden habe. Zu Ihrem Verständnis, Knut: Zu früheren Zeiten wurde darin ein geistiges Wesen vermutet, das mit dem Kind noch in Verbindung stand. Wird dieses Wesen schlecht behandelt, rächt es sich an dem Kind, das dann krank wird und stirbt. Deshalb war man bemüht, die Nachgeburt sorgfältig an einem Ort zu vergraben, wo weder Sonne noch Mond hin scheint. Und obwohl die Fachwelt meinen Forschungen auf diesem Gebiet immer größere Aufmerksamkeit schenkt, kommen Hinweise auf neue Funde von den Leuten hier immer spärlicher.“ Dabei kratzte sich der Alte nachdenklich am Hinterkopf, den ohnehin nur noch einige wenige Härchen zierten.

Knut dachte bei sich, dass das eigentlich kein Wunder war. Wenn er selber ein solches jahrhundertealtes Haus mit einem Lehmboden im Keller hätte, dann würde ihn persönlich schon ein mulmiges Gefühl beschleichen, wenn da jemand Fremdes möglicherweise auf die Überreste einer Urahnin stoßen würde. Nein … ihn schauderte allein schon bei der Vorstellung.

Knut bemerkte bei dem Alten ein merkwürdiges Zögern, das ihn stutzig machte.

„Wenn ich so Recht darüber nachdenke, ist es verwunderlich, dass er mich überhaupt in seinem Elternhaus hat graben lassen – vor allem, nachdem er mich doch erst vor kurzem aus seinem Haus quasi rausgeschmissen hat … .

Als er sah, dass Knut die Stirn runzelte, fuhr er fort. Denn sein Gefühl für Menschen sagte ihm, dass er diesem jungen Mann vertrauen konnte. „Als ich mich nämlich in diesem Keller umtat, stieß ich mit meiner Schaufel unbeabsichtigt gegen die Sandsteinmauer – genau an dieser Stelle, an der Sie jetzt das Loch sehen. Dort befand sich ein ziemlich verwitterter Sandstein, der sich seltsamerweise leicht bewegen ließ.

Neugierig geworden, rüttelte ich so lange an dem Stein, bis ich ihn endlich herausziehen konnte. Dahinter kam ein kleiner Hohlraum zum Vorschein. Trotz der spärlichen Beleuchtung hier konnte ich etwas erkennen, das wie eine Metallkassette aussah. Sogar der Schlüssel steckte noch im Schloss. Beim Versuch, ihn zu drehen, brach er leider ab und ich bekam schon ein schlechtes Gewissen. Als ich das gute Stück auf den Boden stellen wollte, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, dass die Kassette gar nicht abgeschlossen war. Ich hob den Deckel vorsichtig an. … In dem Behälter lagen mehrere mit Wachs konservierte Papierrollen. Ich vermute, dass die Dokumente auch nur deshalb die Jahrhunderte überdauert haben; denn als ich eines der Schriftstücke entrollte, erkannte ich am oberen Rand die Zahl 1632.“

Edwin Satanus atmete tief durch. „Sie werden verstehen, Knut, dass mein Forscherherz höherschlug. … was sage ich da? … sich gewissermaßen überschlug!“

Dem Alten war die Ergriffenheit noch immer anzumerken.

„Ich entrollte ein Dokument nach dem anderen. Eines erregte meine Aufmerksamkeit ganz besonders … es war nämlich als einziges versiegelt. Ich überlegte, was ich als Nächstes tun sollte … mit einem derart bedeutenden Fund. Etwa damit zum Besitzer dieses Hauses rennen? Zu einem Menschen etwa, der wahrscheinlich ohnehin keinerlei Sinn für Geschichte hat? Nein, lieber Knut … meine Gewissensbisse hielten sich da doch in Grenzen.

Behutsam brach ich das Siegel. Der unbekannte Verfasser der Urkunde hielt sich zu meiner Erleichterung ziemlich kurz; auch waren seine Formulierungen so verständlich, dass selbst ein Erstklässler sich einen Reim auf den Inhalt machen konnte.“

Knut war sich sicher, dass diese Worte allergrößte Tiefstapelei waren – doch passte dies zu dem Eindruck, den Knut von diesem Geistesmenschen gewonnen hatte: Ein, bei aller Exzellenz bescheiden gebliebener Mann. So hatte Knut beispielsweise erfahren, dass Satanus promoviert hatte, seinen Doktortitel aber niemals öffentlich gemacht hatte.

Der Forscher griff hinter sich nach seiner, von unendlich vielen Einsätzen abgeschabten ledernen Umhängetasche und zog vorsichtig den Dokumentenköcher heraus. Knut verfolgte jeden seiner Handgriffe mit höchster Anspannung.

***

„Ich lese nun vor. … Satanus‘ Stimme war ein leichtes Beben anzumerken. ‚Wer dieses Siegel bricht, dem sei folgendes zu Gehör gebracht: Auf diesem Haus liegt ein Fluch, der zu meinen Lebzeiten nimmermehr abgegolten werden kann. In diesen Keller musste ich auf Geheiß der Obrigkeit diejenige Weibsperson einmauern, die ich innigst geliebt und die mir ein Kind geboren hatte. Mein Kind aber kam zur Welt, ehe ich meiner Braut am Altar das Jawort geben konnte. Ihre Liebe zu mir ward ihre Schuld, doch nahm sie das Urteil demütiglich an. Noch habe ich ihr Bild vor Augen, wie sie schweigend dasaß, bis der letzte Stein sie in ewiges Dunkel schloss.

Dieweil ich zuversichtlich bin, dass mein Gut und meine Habe sowohl mich selbst als auch meine Nachkommen überdauern werden, sei demjenigen Nachkömmling, der dieses Siegel gebrochen hat, hiermit verkündet: Ist er gleich meinem eigenen Kind unehelich geboren, so bestimme ich, dass er all sein Hab und Gut unmittelbar auf seinen erstgeborenen Sohn übertragen soll. Hat er keinen rechten Erben, so falle mein gesamtes Gut der heiligen Kirche zu Nutz und Frommen – und dies von heut an.‘

Übrigens zwang mich mein Gewissen dazu, dem Kettinger diesen Fund entgegen meiner allergrößten Bedenken doch nicht vorzuenthalten – und so habe ich ihm, wie Ihnen jetzt gerade, den wesentlichen Teil daraus vorgelesen … bis zu dieser Stelle.“

„Und? Was hat Kettinger dazu gesagt? Wie hat er reagiert?“. Knut platzte vor Neugier.

„Kettinger selbst wirkte wie zu einer Salzsäule erstarrt. Ihm war schnell klargeworden, was dieses Dokument für ihn persönlich bedeuten konnte. Sein erster Kommentar klang erstaunlicherweise noch relativ gefasst: „Da hat wohl einer meiner Vorfahren einen an der Waffel gehabt – und zwar ganz kräftig!“

Doch wie er mich dabei anschaute, Knut … . Wenn Blicke töten könnten, musste ich in diesem Moment denken.

Als er sah, dass ich noch etwas hinzufügen wollte, schien er regelrecht zu explodieren.

„Raus!“ schrie er mich an … „raus!“.

Knut versuchte, das Gehörte auf den Punkt zu bringen. „Wenn ich es richtig verstehe, Herr Dr. Satanus, dann ist der derzeitige Besitzer, der Herr Kettinger, aufgrund dieses Dokuments von diesem Moment an arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus, wenn ich es mal in meinen eigenen Worten sagen darf … immer vorausgesetzt, auf ihn trifft die Einschränkung mit der unehelichen Geburt zu. Oder, Herr Dr. Satanus?“

Der Angesprochene biss sich auf die Lippen, runzelte nachdenklich die Stirn, schwieg aber noch einen Moment lang, bevor er leise antwortete. „Immer vorausgesetzt, dass dieses Geheimnis zum Tragen kommt – sprich: also niemand Drittes davon Wind bekommt … mit Ausnahme eines gewissen Knut … !“. Satanus schmunzelte leicht.

„Und? Wie ging es weiter?“, fragte Knut voller Ungeduld. In ihm war der Jagdinstinkt geweckt. Endlich mal wieder ein interessanter Fall!

„Nun – Kettinger war total geschockt. Die Hautfarbe bei ihm wechselte von dunkelrot zu weiß und umgekehrt; Schweiß stand ihm auf der Stirn. Ich versuchte noch, ihn damit zu beruhigen, dass ich vorschlug, erst einmal eine unabhängige, juristisch fundierte Expertise der Neuzeit in Auftrag zu geben. Aber so aufgewühlt, wie der Kettinger in diesem Augenblick war, schien er für rationale Argumente nicht sonderlich empfänglich zu sein.“

„Und? Wie sind Sie mit ihm verblieben?“, fragte Knut.

„Er fragte mich tatsächlich noch, ob ich mit anderen Leuten darüber gesprochen hätte. Über diese Unverschämtheit war ich derart erbost, dass ich aufstand, die Papiere wieder an mich nahm und ihm einen guten Tag wünschte.“

Die Verunsicherung stand Satanus ins Gesicht geschrieben, fand Knut. Er hatte bisher den Altertumsforscher immer nur als äußerst korrekten Menschen kennengelernt. Knut konnte sich vorstellen, was da bei ihm gerade ablief: Ein tiefer Gewissenskonflikt und Zwiespalt zwischen dem Verpflichtetsein gegenüber der Wissenschaft – und dem inneren Zwang zur Loyalität Kettinger gegenüber, in dessen Haus er schließlich hatte graben dürfen. Außerdem hatte Kettinger als Hauseigentümer streng genommen von vornherein ein Anrecht auf diese Papiere. Andererseits – so, wie Satanus ihn beschrieben hatte, würden sich die Schriftstücke in der Hand von Kettinger todsicher binnen kurzem in Asche verwandeln. Schließlich stellten sie eine enorme Bedrohung für dessen Existenz dar … immer vorausgesetzt, Kettinger war illegitim zur Welt gekommen.

So, wie Satanus ihm dessen Reaktion nach dem ersten Schock geschildert hatte, schien etwas dran zu sein. In diesem Fall ein unglaublicher Treppenwitz der Geschichte, wie Knut genüsslich konstatierte … Berufsethos hin oder her. Sympathien für Kettinger hegte er jedenfalls keine.

„Mich wundert nur, dass er Sie hier weiterarbeiten lässt“, warf Knut ein.

„Das, lieber Knut, fand ich allerdings auch etwas rätselhaft …“.

‚Graben Sie ruhig weiter, wenn Ihnen danach ist …‘, hatte Kettinger herumkrakeelt – ‚aber wehe Ihnen, wenn etwas davon an die Öffentlichkeit gelangen sollte!‘. Empört, wie ich war, schloss ich nur noch wortlos die Tür hinter mir. Was fiel diesem Parvenü eigentlich ein … was hielt der von mir?! Nun, nachdem er mir das „Graben“ weiterhin gestattet hatte – das zumindest folgerte ich daraus –, tat ich genau das.

Sehr merkwürdig empfand ich dabei allerdings das, was er mir noch hinterherrief – ich hielt da bereits die Türklinge in der Hand: ‚… aber nicht vor heut‘ Nachmittag … hören Sie?! Ich will mir nämlich den Keller vorher selber mal anschauen. Wer weiß – vielleicht find‘ ich ja einen noch größeren Schatz!‘. Dabei lachte er zwar, aber irgendwie klang sein Gekicher seltsam … nicht echt jedenfalls – sodass ich mir nicht sicher war, ob er es sich nicht vielleicht doch noch anders überlegt.“

***

Nachdem sich Kettinger bei der damaligen Eröffnung des Schnapsmuseums für Knuts Begriffe derart geschmacklos an ihn als offiziellem Pressevertreter rangeschmissen hatte, begann Knut zu recherchieren. Je mehr er dabei über Kettinger herausfand, desto mehr mahnte er sich selbst, Abstand zu diesem Typen zu halten. Nicht nur, dass Kettinger sich bei seinen Nachforschungen als Sympathisant der Waffenlobby darstellte, vielmehr zeichnete er sich auf diesem speziellen Gebiet buchstäblich als aggressiver Parteigänger aus. Vielleicht, überlegte Knut im Nachhinein, hatte auch dies letztendlich zu dessen Rausschmiss aus seiner Fraktion im EU-Parlament beigetragen — wenn nicht sogar den Auslöser dafür gegeben.

***

„Nanu …? Was ist das denn?“ Edwin Satanus, der sich beim Graben nicht weiter hatte stören lassen, hielt abrupt inne. Obgleich Knut aus Rücksichtnahme etwas Abstand gehalten hatte, fiel ihm sofort dessen erschreckter Gesichtsausdruck auf. Er machte einen schnellen Schritt auf Satanus zu, ließ aber von seinem Vorhaben ab, nachdem dieser plötzlich einen Arm nach oben gereckt hatte. Im fahlen Schein der Grubenlampen wirkte sein Gesicht jetzt noch bleicher als sonst, fand Knut.

„Was ist … was haben Sie, Herr Dr. Satanus – kann ich Ihnen helfen?“

Entweder hatte dieser eine bedeutende Entdeckung gemacht … oder aber Satanus war beim Graben auf etwas ganz Fürchterliches gestoßen – eine andere Möglichkeit sah Knut im Moment nicht.

„Bleiben Sie … bitte bleiben Sie von mir weg! Am besten gehen Sie noch ein paar Schritte zurück … lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken. …“. Die Stimme des Forschers klang zittrig.

Knut war verwirrt, konnte sich auf Satanus‘ Verhalten keinen Reim machen. Aber er tat ihm dann doch den Gefallen und wich ein Stückweit zurück – ließ ihn aber dabei nicht aus den Augen.

Knut wartete angestrengt … .

„Ich bin hier auf etwas getreten, mein Freund …“ – Satanus sprach mit erkennbar belegter Stimme – „… etwas, das bei näherer Betrachtung wie eine Handgranate aussieht … scheint aus dem zweiten – vielleicht sogar noch aus dem ersten Weltkrieg zu stammen.“ Satanus hielt einen Moment inne, musste sich erstmal von dem Schreck erholen. „Ich hatte mich noch gewundert, dass der Lehmboden hier so aufgewühlt aussieht … . Tja, hier hat jemand gegraben – eindeutig. Und dieser Jemand hat heimtückischerweise diese Handgranate in genau solch einem Topf versteckt, wie sie hier schon vielfach für Nachgeburten verwendet wurden – und er wusste ganz genau, dass eine ganz bestimmte Person – nämlich ich – danach suchen und den Fund natürlich auch ausgraben würde. Wie die Sache für mich ausgehen sollte, darüber gibt es wohl keinen Zweifel.“

Satanus schaute zu Knut hinüber: „Und? Wer könnte zum gegenwärtigen Zeitpunkt Interesse daran haben, mich verschwinden zu lassen?“

Knut sprach den Namen aus … ganz langsam … Silbe für Silbe: „Ket-tin-ger.“

„Jetzt heißt es, kühlen Kopf bewahren, mein junger Freund.“ Satanus versuchte, Knut zu beruhigen, da dieser offenkundig mit aufsteigender Panik kämpfte. Erst ganz allmählich übertrug sich die für Knut unerklärliche Ruhe des Alten auch auf ihn.

„Sollten wir nicht die Polizei einschalten? – Das wäre doch jetzt das Naheliegendste … oder, Herr Dr. Satanus?“

Der so Angesprochene hatte dafür trotz seiner misslichen Lage nur Verachtung übrig. „Hier brauche ich keine Dilettanten, Knut. Das hier müssen – und können – wir sicher selbst regeln. Übrigens – weshalb ich mich ihrer Meinung anschließe, dass der Schuldige an meiner Misere hier Kettinger sein muss, ist naheliegend. Als wir uns noch gut verstanden, zeigte er mir mal seine Waffensammlung. Darunter waren zahlreiche Relikte aus den beiden Weltkriegen; darunter auch durchaus seltene Stücke. Ich glaube, mich ziemlich gut an diese spezielle Handgranate mit genau diesem Stift zu erinnern. … Würde ich den von mir gerade eben heruntergedrückten Stift jetzt nach oben schnappen lassen, wäre dies mein sicheres Ende. … Aber ich habe da so eine Idee.“

***

Knut, der zwischenzeitlich wieder nähergekommen war, sah, dass dem Wissenschaftler trotz aller klugen Worte der Schweiß auf der Stirn stand. Kein Wunder, dachte Knut bei sich.

„Und noch etwas, Knut: Ich glaube an das Schicksal. Wenn der Platz drüben im Jenseits bereitsteht, werden wir geholt. Doch noch ist es nicht soweit, denke ich.“ Satanus drehte sich langsam zu Knut hin. „Wenn ich das richtig sehe, dann liegt der Topf schräg oder sogar quer. Wenn er quer liegt, dann können wir das Problem lösen. Ansonsten …“. Für Knuts Geschmack geriet sein Lächeln etwas schräg.

Knut kniete sich nieder … sah Satanus‘ Schuh mit dem Stift darunter direkt vor sich; der Topf selber schaute noch zu etwas mehr als einem Viertel aus dem Erdreich heraus. „Quer … eindeutig. Und auf der Oberseite, exakt dort, wo Ihr Fuß ist, ist eine Scherbe herausgebrochen … und der Stift der Handgranate, die so ziemlich senkrecht steht, ragt exakt aus dieser Öffnung heraus.“

„Oh Knut, ich könnte Sie umarmen!“ Satanus war nahe daran zu jubeln. „Da das Erdreich hier nicht allzu fest ist – eben weil dieser Topf frisch eingegraben wurde —, lässt er sich möglicherweise ganz gut drehen. … Hier muss noch irgendwo eine Kelle liegen. Nehmen Sie sie bitte und führen sie vorsichtig zwischen meinen Schuh und den Stift. Halten Sie diesen mit der Kelle niedergedrückt – vergessen dabei aber nicht, währenddessen den Topf ganz langsam zu drehen! Sobald dann der Stift unter dem intakten Topfrand eingeklemmt ist, können Sie die Kelle wieder herausziehen.

Bitte versuchen Sie das jetzt, Knut – aber ganz langsam … ja?! … Sie verstehen, was ich meine?!“

Satanus schaute seinen Helfer, der jetzt seine einzige Hoffnung war, nun doch etwas zweifelnd an. Hoffentlich behält der die Nerven, musste er bei sich denken. „Wenn das alles klappt, haben wir es geschafft, Knut.“

Die eine Hand am Topf, den er millimeterweise drehte, während die andere mit der Kelle den Stift der Handgranate gedrückt hielt – Knut kamen die fünf Minuten, die diese Aktion dauerte, wie eine kleine Ewigkeit vor.

Nachdem Satanus aus seiner misslichen Lage befreit war, ließ Knut sich erschöpft auf den Boden fallen. Noch nie zuvor hatte er sich seinem Ende so nah gefühlt.

Satanus vergewisserte sich noch, dass der Stift unter der Topfkante auch richtig verankert war. Dann schüttete er sorgfältig aus einem kleinen Eimer etwas Erde über der Fundstelle aus.

Knut wunderte sich … ihm war nicht klar, was der Forscher damit bezweckte. „Aber was, wenn jemand später aus Versehen an den Topf stößt, Herr Dr. Satanus? Denn die Handgranate ist ja noch scharf!“

„Dann hat er Pech gehabt … wie heißt es doch so schön: ‚Jedem Topf sein Deckelchen!‘“, lautete dessen etwas bissige Antwort. Mit ernster Miene wandte er sich dann an Knut: „Worum ich Sie jetzt noch bitten möchte, Knut, ist relativ einfach: Gehen Sie rüber zum Kettinger und sagen Sie ihm, dass ich hier noch etwas überaus Wichtiges gefunden hätte – was ich ihm aber nur unter vier Augen mitteilen könnte.“

„Und dann … was geschieht dann, Herr Dr. Satanus?“

„Sobald er hier ist, verlassen wir beide unter einem Vorwand den Keller – und verriegeln die Tür von außen. Unsere Grubenlampe nehmen wir natürlich mit, sodass der Kettinger notwendigerweise im Dunklen tappt – und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. … Tappt er dann irgendwann daneben – oder, noch besser: darauf –, dann muss das Schicksal es wohl irgendwie schlecht mit ihm gemeint haben … oder? Was meinen Sie, Knut?“

So gerne ihm dieser unter normalen Umständen widersprochen hätte – er ließ es bleiben.  

Gesagt – getan!