Fäulnisse

Shortstory von Guido Sawatzki

Er musste anhalten, war zu erschöpft. Sechs Stunden Fahrt mit dem Auto, so bequem es auch sein mochte, waren sein Ding nicht mehr. Über dieses Alter war er hinaus. Ja, er sah es vollkommen nüchtern. Und dann noch diese nicht enden wollenden Staus auf der Autobahn!

Zwei, drei Raststätten hatte er schon ausgelassen – da standen ihm für seinen Geschmack zu wenige Bäume, die Schatten hätten spenden können. Den Schatten brauchte er nämlich … wegen des Autos. Deswegen nahm er jetzt auch einen ganz gewöhnlichen Parkplatz mit WC in Kauf. Denn immerhin gab es da ein paar kräftig belaubte Kastanienbäume beim Toilettenhäuschen. Außerdem waren die Toiletten an den Autobahnen hier in Frankreich meist in besserem Zustand als zuhause. Er schaute sich um. Nein, kein Dreck und kein Gestank. Sogar fließend Wasser … zumindest ein Wasserhahn, der sich zwar nicht regulieren ließ, aber immerhin tropfenweise Wasser abgab. Es war einer von der älteren Sorte mit Öffnungen im Griffrad, in welches man zuverlässig hineingreifen konnte; anders als bei den schick designten und hochglanzgestrahlten Wasserhähnen mit glattem Griff. Nein – er zählte sich beileibe nicht zu den ewig Gestrigen, aber technische Artikel für den häufigen Gebrauch mussten einfach alltagstauglich sein. Zuviel Schnickschnack war nicht sein Ding.

Vom Toilettenhäuschen aus konnte er sogar zu seinem Auto hinübersehen.

Er entspannte sich … ließ seine Gedanken schweifen. Sieben Stunden hatte er noch vor sich. Auf die Idee, dorthin, wieder in die Bretagne zu fahren, war er bereits wenige Wochen nach ihrem letzten gemeinsamen Urlaub dort gekommen. Das war der Moment gewesen, als sich (wieder mal) ein gewaltiges Gewitter zwischen ihnen entladen hatte … zwischen ihm und seiner Frau. Angedeutet hatte sich das schon während der Rückfahrt vom Urlaub. Sie hatte ihm da doch tatsächlich angedroht, auszusteigen und das letzte Stück mit der Bahn nach Hause zu fahren. Er wusste, dass sie dazu fähig war … grundsätzlich. Und tatsächlich war es nicht bei ihrer Androhung geblieben. Kaum waren sie bei ihrem Pariser Hotel angekommen – dort hatten sie Zwischenstation gemacht -, als sie auch schon begann, ihr angekündigtes Vorhaben in die Tat umzusetzen. „Du brauchst mich nicht mehr zu fahren … und zum Hauptbahnhof nehme ich die Metro. Die Abfahrtszeiten habe ich. Wir treffen uns dann zu Hause – aber nur, wenn du bis dahin wieder heruntergekommen bist von deinem hohen Ross. Ich will endlich wieder Spaß in unserer Ehe haben … weißt Du? Wir profitieren schließlich beide davon – stimmt’s?“

Diese Bemerkung war typisch für sie … für ihr weiches, nachgiebiges Wesen – und für ihren starken Charakter – wofür er oft so dankbar war und weshalb er sie auch so sehr liebte. Eigentlich. Denn trotz allen Streits hielt sie selbst im Extremfall ihrem Gegenpart immer noch ein Türchen offen – egal, wie verfahren die Situation auch war … . Vorausgesetzt, man ließ sich darauf ein; war kompromissbereit. Doch dazu war er nicht immer aufgelegt.

Und so rauschte sie damals denn auch nur kurze Zeit nach ihrer Ankündigung aus dem Hotelzimmer – und warf die Tür hinter sich zu, dass die Bude nur so bebte. Ohne jeden weiteren Abschiedsgruß. Von seinem Fenster aus konnte er sie mit ihrem kleinen Rollkoffer davonstöckeln sehen – das Klackern ihrer halbhohen Absätze hatte er jetzt noch im Ohr. Allein schon an diesem Geräusch konnte er ihre jeweilige Stimmung erkennen – je lauter, umso mehr musste man sich in Acht nehmen. Und kurz darauf packte ihn schon wieder das schlechte Gewissen. Am liebsten wäre er ihr auch jetzt wieder, fünf Wochen danach, als sie die Haustür zuschmetterte, nachgelaufen, hätte sie in die Arme genommen, sie fest an sich gedrückt und ihr ins Ohr geflüstert, „Nadja … ich liebe dich … das weißt du doch …“ – wie so oft.

Ein Gradmesser dafür, wie sehr sie die Nase voll von ihm hatte, war immer die Zeitspanne – Stunden oder Tage –, die sie sich als Auszeit nahm. Danach schien in aller Regel der ganze vorherige Streit wie weggeblasen und der lapidare Anlass dafür ohnehin vergessen.

Aber diesmal war es anders – bei ihrem Disput war es um Grundsätzliches gegangen. Ganze vier Tage war sie diesmal weggeblieben. Und diesmal würde SIE stur sein. Da war er sich sicher. Je länger er über die verfahrene Situation nachdachte, desto schuldbewusster fühlte er sich. Ja, er fühlte sich innerlich regelrecht zerrissen … . Einerseits tief zerknirscht, andererseits aber auch wütend – sowohl auf sich selbst als auch auf seine Frau. „Verdammt … .“ Nein, so konnte es mit ihnen nicht weitergehen. Es war an der Zeit, reinen Tisch zu machen.

*

Doch jetzt brauchte er erstmal einen Kaffee – besser: un café, einen französischen Kaffee … einen richtig guten, starken. Solch ein Kaffee war schlichtweg unvergleichlich – da konnte selbst ein italienischer Espresso nicht mithalten. Er drückte aufs Gas. Zehn Kilometer weiter kündigte dann ein Hinweisschild am Straßenrand die Erlösung an. Zwar stand darauf nicht die Kaffeemarke, wie in Deutschland üblich, aber wann immer er in Frankreich einen Kaffee vorgesetzt bekam – er wurde niemals enttäuscht.

Auch hier stellte er den Wagen nicht auf einem beliebigen Parkplatz ab, nein. Er musste ihn im Blick haben, selbst wenn er es sich an der Kaffeebar noch so gemütlich gemacht haben würde. Denn sein Auto war wichtig … jetzt mehr denn je. Nach Kaffee und Croissant gönnte er sich aus der Selbstbedienungstheke noch ein kleines Wasser; die Plastikflasche trank er beinahe in einem Zug leer. Apropos Wasser … da gab es doch eine Art Gleichnis aus der griechischen Sagenwelt, wonach derjenige, der vom Wasser der Lethe trinke, komplett seine Erinnerung vor dem Eingang ins Totenreich verliere. Dass seine Frau die Erinnerung an ihn eines Tages vollkommen ausgelöscht haben könnte, erschien ihm undenkbar. Vollkommen. Nein – allein der Gedanke daran war ungeheuerlich. Dann wäre ja alles, was ihr gemeinsames Leben ausgemacht hatte, praktisch für die Katz gewesen; hätten sämtliche Sorgen, Nöte und Gedanken, die man sich um den jeweils anderen gemacht hatte, ihren Wert verloren … wären einfach nicht mehr existent. Eine grausame, erschütternde Vorstellung, dachte er bei sich.

Er hielt einen Moment inne … machte sich seine gegenwärtige Situation bewusst. Was hatte die noch mit der Vergangenheit zu tun – mit dem, was noch bis vor ein paar Tagen galt?! … Worum war es bei ihrem aktuellen Streit eigentlich gegangen? Was soll‘s?! Er erinnerte sich schon kaum mehr daran. Verdrängte seine Gedanken ganz bewusst. „Vergangen … vergessen und vorbei …“, murmelte er vor sich hin. Jetzt war alles anders. Alles.

*

Eine der Bedienungen weckte seine Neugier. Ja, es war wirklich nur Neugier – und kein Interesse. Er schätzte, dass sie so alt war wie seine Frau. Helle Augen, offener Blick. Und je länger er sie betrachtete … ja, sie hatte das bestimmte Etwas, das seinen Pulsschlag nach oben peitschte! Sein Herz schien zu flattern; bis zum Hals konnte er es spüren. Tatsächlich! Natürlich hatte er schon vielen Frauen einen etwas tieferen Blick geschenkt … nicht nur in ihr Dekolleté. Allerdings hatten DIE ihn meistens ignoriert – er vermutete, weil er zu alt für sie war. Als ob es bei so etwas auf das Alter ankommt, dachte er und verdrehte insgeheim die Augen. Doch sowas wie jetzt hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Generell und völlig unbescheiden glaubte er, für den Umgang mit dem so genannten schwachen Geschlecht immer das richtige Händchen zu haben. Doch bei dieser Frau war alles anders. Vollkommen anders. Er könnte die Augen schließen … und sie trotzdem mit all seinen Sinnen wahrnehmen; ohne sie weiter anzustarren. Natürlich tat er es nicht … wollte auf keinen Fall den Moment verpassen, sollte sie seinen Blick erwidern – was unter Umständen den Beginn von etwas ganz Großartigem einleiten würde. Und dieses Gefühl hatte er nämlich – zumindest in diesem Moment.

Verdammt – war sie sexy. Ja, das war sie durchaus. Hier musste er einfach aufs Ganze gehen. Als er bemerkte, dass sie dabei war, ihren Arbeitsplatz zu verlassen – ihre Schicht war wohl zu Ende -, folgte er ihr. Sie drehte sich um, sah ihn an. Er glaubte, in ihren Augen versinken zu müssen. Okay, okay … dieses Gefühl hatte er schon öfters gehabt – aber diesmal war es besonders heftig. Alles in ihm bebte vor Verlangen und der Gedanke, dass sie ähnlich empfinden könnte, steigerte seine Erregung noch mehr … das bildete er sich zumindest ein.

Er folgte ihr bis zu ihrem Auto; achtete dabei jedoch auf ausreichend Abstand. Als sie, noch im Laufen, ihre Schlüssel aus der Handtasche zog, bemerkte er, dass sie Anstalten machte, sich umzudrehen … was sie dann aber doch nicht tat. Als die Frau seiner Träume schließlich vor ihrem Wagen stand, trennten sie gerade mal drei Meter. Er hatte abrupt angehalten; schließlich wollte er ihr keine Angst einjagen.

Sie öffnete die Wagentür. Langsam, beinahe im Zeitlupentempo, blickte sie sich um … schaute ihm geradewegs in die Augen. In ihrem Blick war keinerlei Unsicherheit zu erkennen. „Und nun?“, sprach sie ihn – fast akzentfrei – auf Deutsch an. Sie hatte wohl bei seiner Bestellung im Restaurant mitbekommen, dass er Deutscher war. Er schaute sie unsicher an, konnte nur „Ich … ich …“ stottern. Dann verstummte er hilflos. Selbstbewusst ging sie auf ihn zu, griff nach seiner Hand. „Wollen Sie hinter mir herfahren? Es sind nur noch etwas mehr als fünfzehn Kilometer bis zu mir … .“

Er fand noch immer keine Worte, kam sich unheimlich dumm und ungeschickt vor. Schließlich presste er hervor: „Ääh … ja. … Ja, gerne … s’il vous plait.“

Sie lächelte ihn an – und alles um ihn herum begann zu schweben … er fühlte sich wie in Trance. Deshalb machte es ihm auch nichts aus, dass er sich unfähig fühlte, einen anderen Gedanken als explizit diesen einen in sich zuzulassen: Er musste ihr folgen … diese Chance ergreifen!

In ihrer Wohnung angekommen, ging dann alles ganz schnell. Er wusste nicht, was er als Erstes ausziehen sollte. Nur wenige Sekunden, und sie stand splitterfasernackt vor ihm … eine Traumfigur. Mit den Blicken tastete er sie ab … Zentimeter um Zentimeter. Ihm wurde dabei fast schwindlig; er hatte das Gefühl, zu träumen. „Komm, ich helfe Dir“, meinte sie, als er sich, an einem Stuhl festhaltend, schwankend von den lästigen Socken befreite und schließlich nur noch den Slip anhatte. Ihre Brüste pressten sich gegen seinen Rücken, ihre Hände wanderten langsam über seine Brustwarzen nach unten … immer tiefer … .

Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper. Er schien regelrecht zu erstarren. „Oh je, mein Auto!“ stieß er hervor. „Es darf nicht zu heiß werden, weißt du?“. Ungläubig starrte sie ihn an. Wie konnte ein Mann in einem solchen Moment an sein Auto denken? „Du kannst es bei mir in die Garage stellen. Mein Mann ist mit seinem unterwegs. Geschäftsreise … du verstehst? Hier ist der Schlüssel zur Garage … Und beeil dich, ja?“

Sie sah ihm zu, wie er mit fahrigen Bewegungen lediglich Hose und T-Shirt überstreifte. Wenn sie ihn nicht zurückgehalten hätte, wäre er barfuß losgerannt. Er schien vollkommen verwirrt zu sein. Was zum Teufel war so Wertvolles in seinem Auto, dass es nicht länger in der Sonne stehenbleiben durfte, fragte sie sich.

Sie schlich ihm hinterher, nahm allerdings den direkten Weg durchs Haus und wollte gerade die Tür zur Garage von innen öffnen, als das Automatiktor sich von draußen öffnete und sein Auto hereinrollte, allerdings nach dem ersten Drittel abrupt abbremste. Er stieg aus. „Verdammt, die Dachbox. Die Karre passt da nicht rein!“. Jetzt war sie doch neugierig geworden. Durch den Türspalt beobachtete sie, wie er die Dachbox aufschloss, kurz hineinschaute und den Deckel sofort wieder zuklappte. Selbst dieser kurze Moment reichte aus, dass sich in der Garage ein entsetzlicher, atemraubender Geruch ausbreitete. Wo um Himmels willen hatte sie Derartiges schon mal in der Nase gehabt?! Sie dachte nach – ja, das war damals, als sie über einer Tierärztin gewohnt hatte, bei der im Abstand von zwei Wochen die Tierkadaver abgeholt wurden. … Und genauso stank es jetzt hier. Ekelerregend. … Was in aller Welt war dort oben drin?!

Sie beobachtete, wie er den Wagen wieder zurücksetzte. Sie beeilte sich, um vor ihm in der Wohnung zu sein und legte sich wieder auf ihr Bett. „Und? Hat alles geklappt?“, fragte sie ihn, nachdem er zurückgekommen war und ihr den Garagenschlüssel auf den Tisch legte. „Nein. Mein Wagen passt wegen der Dachbox nicht rein“, meinte er etwas bedrückt.

„Das ist doch nicht so schlimm“ meinte sie. „Wollen wir zuerst noch etwas Erfrischendes essen, bevor …?“. Sie lachte ihn dabei an. „Ich habe eine reife Melone im Kühlschrank liegen und wir könnten eine Flasche Sekt dazu öffnen. Na, wie klingt das?“

Er stimmte ihr zu – vielleicht würde es ja auch dazu beitragen, die etwas angespannte Stimmung aufzulockern und sie würden doch noch ihren Spaß haben, dachte er bei sich. Nach der ersten Flasche schien tatsächlich alles wieder rund zu laufen. Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile, bevor sie sich wieder gemeinsam auf ihr Bett legten. Ihre Sektgläser, die sie immer wieder nachfüllte, hatten sie mitgenommen.

Heimlich hatte sie ihm zwischendurch ein Schlafmittel – geschmacksneutral und schnellauflösend – ins Glas getan. Sie hatte sich nämlich fest vorgenommen, seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Das Mittel wirkte überraschend schnell. Nach wenigen Minuten war er tief und fest eingeschlafen. Allerdings spürte auch sie den Alkohol recht kräftig … was sie verwunderte, hielt sie sich doch, was das Trinken anging, für ziemlich standfest – zumal sie auf einem elsässischen Weingut aufgewachsen war.

Sie stand auf … „huiii“, lallte sie ziemlich angeheitert und hielt sich am Bettrand fest. „Jetzt wollen wir doch mal sehen …“. Sie sah an sich herab. Außer einem dünnen T-Shirt und ihrem Slip trug sie nichts mehr. Was solls, dachte sie. Neugierige Nachbarn hatte sie keine und außerdem hatte die Abenddämmerung bereits eingesetzt. Sachte zog sie ihm den Autoschlüssel aus der Hosentasche und schlich aus dem Zimmer. Seinen Wagen hatte er wieder an derselben Stelle geparkt. Zum Glück verfügte das Auto, ein SUV, über ein zusätzliches Trittbrett, sodass sie doch relativ leicht an das Schloss der Dachbox herankam. Nur mit viel Mühe schaffte sie es, den Deckel nach oben zu schieben – was sie fast umgehend bereute. Denn der Gestank, der ihr entgegenschlug, war so heftig, dass sie zurücktaumelte, ohne überhaupt einen einzigen Blick ins Innere geworfen zu haben.

Sie wäre garantiert gefallen und hätte sich beim Aufprall möglicherweise schwer verletzt, wenn sie nicht aufgefangen worden wäre. „Na, neugierig?“ Entgeistert stellte sie fest, dass es SEINE Stimme war. Er hielt sie fest. Sie hätte sich ohnehin nicht mehr großartig wehren können – das Schlafmittel und der viele Alkohol taten ihre Wirkung. „Du hast … du hast … die Gläser vertausch … sch … scht?“, konnte sie nur noch stammeln. Bevor sie gar nicht mehr gehen konnte, hakte er sie unter und schleifte sie in die Garage.

Dort fand er eine große Plastikfolie, die er auf dem Boden ausbreitete. Die Frau bewegte sich zwar noch etwas, als er sie in die Folie einrollte und mithilfe eines reißfesten Klebebands fest zu einem Paket verschnürte, aber darauf konnte er, so leid es ihm tat, jetzt keine Rücksicht nehmen. Schließlich würde er sich sputen müssen, hatte er doch noch fast 1000 Kilometer bis zum Meer vor sich … und wenn erstmal die Luft in der Sonne zu flirren begann … . Bevor er sie jedoch in die Dachbox warf, rief er noch, „Nadja – du bekommst Gesellschaft!“